Baugruppen, linke Mittelschicht und Aufwertung

Die Kiezinitative „Karla Pappel gegen Mieterhöhung und Verdrängung Alt-Treptow“ schlägt sich schon seit einer Weile mit zwei Baugruppen-Vorhaben an der Ecke Karl-Kunger/Lohmühlenstraße herum. Jetzt haben Aktivist_innen aus der Initiative in Zusammenarbeit mit anderen Gentrifizierungs-kritischen Leuten einen offenen Brief (pdf) an die linke Gruppierung „FelS – Für eine linke Strömung“ verfasst.

Und zwar nicht in erster Linie, weil sich FelS in früheren Jahren eingehend mit der Kritik der kapitalistischen Stadtentwicklung (ja sogar der Gentrification) beschäftigt hatte. Nein, sondern weil einige Leute dieser Gruppe an einem der kritisierten Baugruppenprojekte beteiligt sind.

Zeigt sich also mal wieder die tiefe Mitwirkung linksalternativer Bewegungen und Milieus bei der Aufwertung innerstädtischer Quartiere – auch wenn gerade aus diesen Bewegungen und Milieus heraus immer wieder vehemente Kritik an der Aufwertungslogik formuliert wird. Aber kein Wunder: Sind es doch meist nicht die bösen Superreichen, sondern die Mittelschichten, die das Phänomen der Gentrification beflügeln und antreiben – gleich welcher politischer Couleur ihre Akteure auch sein mögen.


5 Antworten auf „Baugruppen, linke Mittelschicht und Aufwertung“


  1. 1 DJ Tüddel 01. Juni 2009 um 16:50 Uhr

    helmholtzplatz.de schrieb:

    Macht es einen Unterschied, ob man von einem Immobilienhai oder einer privaten Baugemeinschaft verdrängt wird?

    Dem möchte ich hinzufügen:
    Oder macht es einen Unterschied, wenn man von einer WG, womöglich einer links-politischen, verdrängt wird, die immerhin so viele Einkommen wie bewohnte Zimmer bieten kann? Ja, denn die zieht gerne in den mehr oder weniger schicken Altbau, der vorher womöglich günstige Mietwohnungen geboten hat.
    Baugruppen planen dagegen erstaunlich oft Neubauvorhaben. Ein Mehr an Wohnungen dürfte jedenfalls tendenziell zur Entlastung des Mietwohnungsmarkts beitragen. Oder, andersrum gedacht: Wer in einen Baugruppen-Neubau zieht, kann wenigstens nicht mehr (durch Bereitschaft, höhere Miete zu zahlen) Anderen ihre Mietwohnung wegnehmen.

    Festzuhalten ist, dass Baugruppen in der Regel Eigentums-Konzepte sind. Da sie allerdings nicht auf Erwirtschaftung von Profit ausgelegt sind, können sie unter Umständen günstigere Eigentumswohnungen produzieren als gemeine “Immobilienhaie”.
    Folgt man der Angebots-Nachfrage-Logik der vorherrschenden Wirtschaftslehre, dürfte diese Alternative tendenziell zum Sinken der Marktpreise führen. Und das würde dann – nur mal weiter gedacht – die Gewinnmarge der bösen Haie schmälern. Also theoretisch jedenfalls.
    Praktisch bleiben Baugruppenmodelle bestimmten Milieus vorbehalten, da ein hohes Maß an sozialem und auch finanziellem Kapital nötig sind, sowie eine gemeinsame Mindestwerthaltung unter den Baugruppenbeteiligten. Sie können daher nicht mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein des Wohnungsmarkts.

    Es bleiben drei Hauptprobleme, die Baugruppen hervorrufen dürften:
    1. Es werden Grundstücke bebaut, die dann nicht mehr für andere, begrüßenswertere Bauvorhaben zur Verfügung stehen (seien es sozialer Wohnungsbau oder milieuspezifisch offenerer Genossenschaftsbau).
    2. Baugruppen suchen relativ häufig vergleichbar günstige Grundstücke in der Nähe von einigermaßen alternativen Orten. Sie drohen damit die Aufwertung nicht nur weiter zu tragen in bisher als weniger interessant geltende Kieze – sie fallen dort womöglich auch noch durch eine besondere, wahrscheinlich “alternative” Architektur auf und können so zusätzliche aufwertende Symbolkraft entwickeln.
    3. Baugruppen werden (jedenfalls vom Berliner Senat) als “soziale” Alternative zum fiesen Wohnungsmarkt angepriesen, stellen jedoch nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung tatsächlich eine Möglichkeit der Wohnungswahl dar. Was bleibt, ist der öffentliche Eindruck, dass es doch tolle Möglichkeiten gibt und alles nicht so schlimm ist.

  2. 2 trudelfisch 01. Juni 2009 um 17:42 Uhr

    Aus der Gruppe FelS heraus wurde dem Vernehmen nach eine Stellungnahme als Antwort auf den Offenen Brief angekündigt.

  3. 3 trekjoc 06. Juli 2009 um 0:43 Uhr

    zum offenen Brief von XXX an FelS

    Es geht nicht um die Sache. Es geht um Ideologie. Der Effekt von Baugruppen auf Getrifizierungsprozesse ist nicht nachzuweisen. Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf. Da kämpft jemand seinen Kampf gegen sein eigenes bürgeliches mittelständiges Trauma. Selber ein Gentrifizierer. Boheme geht in den Osten und wertet Kiez auf – und verdrängt auf Teufel komm raus.
    Linke Selbstzerfleichung durch intellektualistische Nabelschau. Prima, Linksabweichler unter sich und die herrschaftliche Macht lacht sich ins Fäustchen.

  4. 4 DJ Tüddel 10. Juli 2009 um 13:28 Uhr

    Werter trekjoc, das wäre ja noch schöner, wenn wir erst immer warten würden, bis irgend etwas hieb- und stichfest nachweisbar wird, bevor wir uns dagegen zu wehren beginnen.
    Meines Wissens sind bisher keinerlei konkrete Auswirkungen im Gentrifizierungsprozess irgendwie nachgewiesen. Weder von Baugruppen noch von anderen Akteuren.
    Aber es kann anscheinend nicht sein was nicht sein darf: Baugruppen sind doch soooo lieb, wie können sie denn da unangenehme Wirkungen entfalten?!?

  1. 1 Berlin: Kritik an Baugruppen « Gentrification Blog Pingback am 27. Mai 2009 um 20:15 Uhr
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