Bericht vom Kiezspaziergang durch Alt-Treptow

Das ist zwar auch schon zwei Wochen her, soll hier aber trotzdem nicht untergehen. Bei sonnigem Wetter folgten ungefähr 15 Interessierte am 24. Mai der Einladung der Initiative ‚Karla Pappel gegen Mieterhöhung und Verdrängung‘ und fanden sich um 16 Uhr vor der Bibliothek in der Karl-Kunger-Str. 30 ein.

Zunächst spazierten wir zur Ecke Beermann- und Matthesstraße. Hier soll nach dem Willen des Berliner Senat die Trasse zur geplanten Verlängerung der A 100 gebaut werden. Zur Zeit stehen dieser Trasse u.a. vier Wohnhäuser im Weg, die einfach abgerissen werden sollen. Obwohl der Landesparteitag der SPD den Ausbau mehrheitlich ablehnt (die Linkspartei sowieso) und ca. 2.500 Eingaben von BürgerInnen gegen die Ausbau eingegangen sind, hält der Berliner Senat noch an dem Planfeststellungsverfahren fest. Mal sehen wie lange noch, wenn es gelingt, den Widerstand gegen dieses Bauvorhaben noch sichtbarer zu gestalten.

Danach gingen wir zurück zur Plesserstraße, wo die HypoVereinsbank „dringend Immobilien sucht“, wie den MieterInnen in einem an „alle Immobilienbesitzer der Stadt Treptow und Umgebung“ gerichteten Brief mitgeteilt wurde. Die HypoVereinsbank bietet für eine erfolgreiche Vermittlung 500 Eur Belohnung und möchte die Immobilien höchstwahrscheinlich erwerben, um Gewinn zu machen, d.h. sie später teurer weiter zu verkaufen. Die MieterInnen dürften bei diesem Vorgang schlicht auf der Strecke bleiben.

Neben der Miet- und Verkehrsentwicklung in Alt-Treptow wurde bei dem Spaziergang auch die unzureichende Kinder- und Jugendarbeit im Bezirk thematisiert. Der Abenteuerspielplatz „Kuhfuß“ in der Wildenbruchstraße wird von Kindern bis 12 Jahre genutzt, für deren Betreuung zwei SozialarbeiterInnen angestellt sind. Für alle Älteren existiert momentan kein offener Treffpunkt im Kiez! Die Kurse im Jugendkunstzentrum „Gerard Phillippe“ sind alle kostenpflichtig!

Der „großzügige“ Bezirk würde 1-2 Räume in der alten Schule zur Verfügung stellen, aber kein Geld für ausgebildetes Personal. Dieses müsste von den beiden freien Trägern im Kiez, „Kuhfuß“ und „Cabuwazi“, gestellt werden. Da die freien Träger nur zu 37% vom Bezirk finanziert werden und damit sowieso schon unterfinanziert sind, können sie das einfach nicht mehr leisten, zumal im nächsten Haushalt weitere Kürzungen für diesen Posten vorgesehen sind. Wir benötigen dringend ein offenes Jugendzentrum mit ausreichendem Personal im Kiez.

Die nächste Station des Spazierganges, der „Plus“-Supermarkt in der Wildenbruchstraße, zeigt eindrucksvoll wie Bebauungspläne einfach und günstig umgangen werden können. Eigentlich sah der Bebauungsplan hier ein zweistöckiges Gebäude vor, d.h. über den Supermarkt hätten noch Wohnungen gebaut werden müssen. Der Bauherr von „Plus“ erreichte die bezirklich vorgeschriebene „Draufhöhe“, in dem auf dem Dach einfach ein Netz aufgestellt wurde und schon war das Gebäude hoch genug.

Die Bebauungspläne der Bezirksverwaltung, mit denen manche so kreativ umgehen dürfen, gefährden auch den Standort des Kinderzirkus „Cabuwazi“ in der Bouchéstraße. Auch hier sieht der Plan Wohnhäuser vor und auch hier möchte ein Supermarkt bauen. Das Gelände gehört der Bundesvermögensverwaltung und einer Erbengemeinschaft, die beide auf Verkauf drängen. Der Supermarktbetreiber hat mittlerweile angeboten, dem Kinderzirkus ein Teil des Geländes zu schenken und somit den Standort langfristig zu sichern, wenn sie dort bauen dürfen. Die Meinung dazu ist im Bezirk uneins, da einerseits durchaus genügend Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sind und es eher an bezahlbarem Wohnraum mangelt. Aber andererseits gibt es momentan keinen Investor für den Bau von Mietwohnungen und der Bezirk kann es sich nicht leisten, den Standort von Cabuwazi selbst durch Aufkauf des Geländes langfristig zu sichern. Ein Teil der Verwaltung möchte den Kinderzirkus anscheinend gerne auf das Gelände der Wagenburg Lohmühle in der Lohmühlenstraße versetzen, aber dies wäre schon aus Platzgründen das Aus für die Kulturarbeit der Wagenburg.

Dann spazierten wir weiter zum Schmollerplatz, wo in den letzten Jahren etliche Wohnungen von „Cerberus“ und anderen Hedge-Fonds aufgekauft wurden. In einem der Häuser wehrte sich eine Mieterin mit Unterstützung des Mieterschutzvereins erfolgreich gegen die Modernisierung ihrer Wohnung und somit auch drastische Erhöhung ihrer Miete. Die meisten anderen Mieter des Hauses konnten sich nach Abschluss der Modernisierungsarbeiten, die übrigens anscheinend mit billigem Material durchgeführt wurden, die Mieterhöhung um ca. 50% nicht mehr leisten und sind ausgezogen.

Am Lohmühlenplatz steht eines der letzten unsanierten Häuser im Kiez. Hier wehren sich die Mieter schon seit zwei Jahren gegen die geplante Modernisierung und die darauf folgende Mieterhöhung. Eine Modernisierung des Gebäudes beinhaltet auch den Wiederaufbau des Südflügels, so dass die Grünfläche zwischen Lohmühlenstraße und Landwehrkanal weiter verkleinert würde.

Der Bebauungsplan für diese Fläche sieht Mietwohnungen zur Lohmühlenstraße und Stadtvillen zum Landwehrkanal vor. Die erste dieser Stadtvillen ist mittlerweile fast fertig gestellt, wobei es einige Ungereimtheiten gibt. AnwohnerInnen beschwerten sich gleich bei Baubeginn über das fehlende Bauschild und wollten nähere Informationen zu dem Neubau und bekamen nie Antwort. Bis heute wissen wir nicht, wer das Haus zu welchem Zweck baut. Werden das Eigentumswohnungen, Ferienappartements oder was ganz anderes?

Letzte Station unseres 2,5 stündigen Spaziergangs waren die beiden Baustellen der privaten Baugruppen in der Lohmühlenstraße bzw. Karl-Kunger-Straße. Ausführliche Informationen hierzu gibt es auf den Seiten der Kungerkiez-Initiative.