Lehrter Straße bald Hotelstraße? AnwohnerInnen mobilisieren für ihre Interessen

Durch den Fall der Mauer hat der östlichste Teil Moabits, die Lehrter Straße, seine Randlage verloren. Doch erst mit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs wurde die Straße richtig interessant für Hotelneubauten, gewerbliche Umnutzungen der Wohnhäuser und Immobilienspekulation.

Die AnwohnerInnen wollen dagegen den speziellen Charakter ihrer Wohnstraße erhalten haben, fürchten ihren Kiez nach den zahlreichen angekündigten Bauvorhaben nicht mehr wieder zu erkennen und zudem durch Aufwertung, steigende Mieten und Umwandlung von Wohn- in Gewerberaum aus ihrem Viertel verdrängt zu werden. Viele AnwohnerInnen schätzen auch die Kleingärten der „Eisenbahnlandwirtschaft“ als grünen Ausgleich zur zentralen Lage. Nach Auskunft des BVV-Mitglieds Frank Bertermann allerdings werde „der Bezirk keinerlei Anstrengungen zum Erhalt der Anlage unternehmen“.

Inzwischen ist klar, dass die „Hotelstadt“, die um den Hauptbahnhof herum entstehen soll (auch aus mangelndem Interesse an neuen Bürobauten), weit in die Lehrter Straße hinein wächst. An der Ecke Invaliden-/Lehrter Straße wird seit einer Weile an einem elf Stockwerke hohen und 514 Zimmer zählenden „Motel One“ gebaut. In der Lehrter Str. 12-15 wurde im März mit dem Bau eines „A&O Hostels“ begonnen: 330 Zimmer mit 900 Betten. Am Seniorenwohnhaus der Diakonie wurde eine „schleichende Entmietung“ und Umnutzung als Ferienwohnungen festgestellt. Auf dem Geländer der Diakonie (Berliner Stadtmission) gibt es bereits zwei Gästehäuser mit 400 Betten.

Zudem kündigt die Vivico, im Besitz der meisten verwertungsfähigen obsoleten Bahn-Immobilien, nicht nur für das großflächige Entwicklungsgebiet Heidestraße, sondern auch für ihre Flächen (pdf) im mittleren Bereich der Lehrter Straße eine enge Bebauung an, darunter offenbar auch weitere Hotels.

In der Seydlitzstraße sollen 25 Reihenhäuser („Townhouses“) gebaut werden, die sich die meisten bisherigen AnwohnerInnen sicherlich nicht leisten könnten. Es stellt sich also die Frage, ob touristische Nutzung und Neubauvorhaben den Kiez derart aufwerten, dass auch die bestehenden Mieten und Mietverträge in Gefahr sind, das sehr geschätzte nachbarschaftliche Gefüge auseinandergerissen wird.

Unter den AnwohnerInnen der Lehrter Straße gibt es nicht nur reichhaltige Diskussionen über die Entwicklung ihres Kiezes, sondern auch einigen Unmut, der auf die Straße getragen wird: So wurde im November eine Demo unter dem Motto “Wohnräume statt Investorenträume” organisiert.

Auf Druck der AnwohnerInnen wurde im Hinblick auf die angedachten Bauvorhaben vom Bezirk Mitte eine „Zukunfstwerkstatt“ eingerichtet, auf der die Betroffenen ihre Interessen artikulieren können. Ob dies zu irgendeiner Änderung der Pläne führt, steht erstmal in den Sternen. Auf MoabitOnline wird bereits vermutet, dass die Akteure vom Stadtplanungsamt und des beauftragten Planungsbüros „die nachhaltigen ökologischen wie sozialen Problemlösungsansätze für das Land dem Verwertungsinteresse des privaten Investors untergeordnet werden“.

Bezirksstadtrat Ephraim Gothe wird denn in einem Protokoll der Zukunftswerkstatt (pdf) auch mit sonderbaren Worten zitiert:

Auf die Frage in der Diskussion, wie sich gewachsene Strukturen des Gebietes erhalten und soziale Verdrängungsfolgen einer Aufwertung vermeiden lassen, wird seitens des BzStR deutlich gemacht, dass Aufwertungsprozesse, wenn sie denn einsetzen (Moabit habe sich im Gegensatz zum Prenzlauer Berg in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch nicht sehr gewandelt) per se nicht aufzuhalten seien, aber in der Lehrter Straße angestrebt wird, sie sozial- und nutzungsverträglich zu steuern und eine behutsame Entwicklung zu erreichen.

Auf die Frage, wie eine Verdrängung der BewohnerInnen vermieden werden könne, sagt Gothe also, dass man dies einfach durch Anstreben einer Steuerung erreichen wolle. Das klingt ja nach einer packenden Strategie…

Bei einem von der Vivico und dem Bezirk beauftragten beschränkten Wettbewerb (Gutachterverfahren) sollen nun einige gezielt eingeladene Planungsbüros städtebauliche Konzepte erarbeiten. In der achtköpfigen Jury des Wettbewerbs sitzen auch zwei VertreterInnen der Anwohnerinitiative Lehrter Straße – und sind sich durchaus bewusst, dass sie jederzeit von den übrigen InteressenvertreterInnen überstimmt werden können.

In der Hoffnung, die beteiligten Planungsbüros von den legitimen Interessen der AnwohnerInnen zu überzeugen, hat die Initiative Lehrter Straße, ein Zusammenschluss von Bewohnern, Kleingewerbetreibenden und Gartenpächtern der Lehrter Straße, die Broschüre „Lehrter Wohnstraße“ (pdf) erstellt:

Hier ist ein lebendiger Kiez gewachsen. Der Zusammenhalt unter den Bewohnern rührt einerseits noch aus einer Zeit quasi natürlich gewachsener Nachbarschaften her, als auch aus der notwendigen Solidarität von Mietern in vernachlässigten Quartieren, die bei Rohrbrüchen, eingefrorenen Wasserleitungen oder ähnlichen Problemen im Alltag aufeinander angewiesen waren. (…)
Wir wünschen uns, dass die Lehrter Straße als ruhige und grüne Wohnstraße mit ihrem Kleingewerbe und ihren Gärten erhalten bleibt. (…)
Wir sehen allerdings einen Konflikt zwischen einem 856-Betten hostel in Bahnhofsnähe und der Wohnstruktur der Straße. Wir Nachbarn wehren uns gegen: (…) die Anonymisierung des Umfeldes in einer durch kleinteilige Nutzungen geprägten Straße, Mietsteigerungen durch vermehrte tourismusorientierte Nutzungen.

Zum Forderungskatalog gehört daher auch:

Wohncharakter der Straße erhalten, bestehende Wohnhäuser als allgemeines Wohngebiet sichern


1 Antwort auf „Lehrter Straße bald Hotelstraße? AnwohnerInnen mobilisieren für ihre Interessen“


  1. 1 suse 09. Juni 2009 um 19:47 Uhr

    Die Fläche für die Reihenhäuser an der Seydlitzstraße ist fast vollständig abgeräumt, während es beim Motel One an der Ecke Invalidenstraße nach dem Abriss stockte. Jetzt scheint es aber auch dort loszugehen mit dem Bau. Die Straßeninitiativen kämpfen weiter.

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