Ferienwohnungen und Wohnungsknappheit

Was für die einen eine Belästigung darstellt, ist für andere ein handfestes finanzielles Problem: In der Berliner Innenstadt werden zunehmend Mietwohnungen in Ferienwohnungen umgenutzt. Für wochenend- oder wochenweise Vermietung können Haus- und Wohnungseigentümer bei geschickter Vermarktung sehr viel mehr Miete einstreichen als über Dauermieter, die auch noch so manche mietrechtliche Regelung gegen hohe Mieten anwenden können.

Medienwirksam bekannt wurde der Fall Wilhelmstraße in Berlin-Mitte, wo in den 80er Jahren zwischen Behren- und Voßstraße ein qualitativ hochwertiges Plattenbauquartier errichtet worden war. Die WBM hatte die Wohnhäuser mit 930 Wohnungen vor fünf Jahren an den Privatinvestor B.Ä.R. Grund­stücksgesellschaft verkauft. Privatisierung kommunaler Wohnungsbestände also. Und seitdem bemühen die neuen Eigentümer sich, die Wohnanlage von Grund auf umzukrempeln.

Wo eine Wohnung frei wird, wird sie nun durch die DieApart GmbH als Ferienwohnung an Touristen vermietet. Weniger apart finden das die BewohnerInnen der Häuser, denn ihre Wohnqualität wird spürbar eingeschränkt: Unter den einquartierten Touristen ist einfach zu viel Partyvolk, das keine Rücksicht auf die MieterInnen nimmt und die Nacht lautstark zum Tag macht. Außerdem geht vielen DauermieterInnen ihre Nachbarschaft verloren: In manchen Treppenaufgängen sind schon 80% der Wohnungen in Ferienapartments umgewandelt – das gesamte soziale Netzwerk bricht zusammen.

Dazu kommen weitere Versuche der Eigentümer, die AltmieterInnen los zu werden: Unangemessene Mieterhöhun­gen mit der Androhung, sie gerichtlich durchzusetzen, Verwarnungen und fristlose Kündigungen gegenüber MieterInnen, die sich gemeinsam orga­nisieren. Ein Viertel aller Woh­nungen soll bereits umgewandelt sein.

Aktive MieterInnen, die sich in der Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin-Mitte zusammengeschlossen haben, vermuten allerdings, dass die Eigentümer gar nicht langfristig an den Ferienwohnungen interessiert sind, sondern dass die AltmieterInnen auf diesem Wege herausgeekelt werden sollen. Ist man die nämlich los, könnte die ganze Anlage abgerissen werden. Und die Grundstücke, direkt zwischen Pariser und Leipziger Platz gelegen, dürften einen geradezu unermesslichen Wert haben, sobald dort neu gebaut werden kann.

In der neuen Ausgabe des MieterEchos (Nr. 335 – bislang nur als großes pdf im Internet verfügbar) wird jedoch ein weiteres Problem festgestellt: Die massive Umwandlung von Miet- in Ferienwohnungen findet nicht nur in der Wilhelmstraße statt, sondern vielerorts in der Berliner Innenstadt. Der Hotel- und Gaststättenverband schätzt bereits über umgewandelte 10.000 Wohnungen – Wohnungen die dem Mietwohnungsmarkt entzogen worden sind.

Zusammen mit anderen Prozessen der Inwertsetzung (Umwandlung in Eigentumswohnungen, Zusammenlegung mehrerer kleiner Wohnungen, Umwandlung in Büroflächen), die den Mietwohnungsbestand reduzieren, verschärft sich zusehends die Mietsituation in der Berliner Innenstadt. Denn gleichzeitig steigt die Einwohnerzahl in Berlin, und sehr viel schneller sogar noch die Zahl der Haushalte, da immer weniger BerlinerInnen sich eine Wohnung teilen.

Abnehmendes Angebot trifft also auf steigende Nachfrage. Die Berliner Mietergemeinschaft prognostiziert daher nicht nur steigende Mieten – besonders im Segment relativ günstiger und kleiner Wohnungen – sondern auch eine nahende Wohnungsnot. Doch Stadtentwicklungs­senatorin Junge-Reyer hält geradezu stoisch am Mantra des „entspann­ten“ Wohnungsmarkts fest. Dadurch unterbindet sie von vornherein eine durchaus mögliche Wiedereinführung einer Zweckentfremdungs­verord­nung, die Umwandlungen von Wohnungen oder Leerstand untersagen könnte.

Der Berliner Senat scheint kein Interesse zu haben, dieses Problem anzugehen. So wie die BI Wilhelmstraße nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfragen an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bekommt, weil der Senat anscheinend das mobbinghafte Verhalten der B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft unterstützt, womöglich recht glücklich über einen Abriss der ungeliebten Platte und die Verdrängung ihrer BewohnerInnen wäre, so sehr setzt er doch auf den Tourismus als Hauptwirtschaftszweig der Stadt.

Solange TouristInnen also Geld in die Stadt spülen, wird dieser Senat eine steigende Mietbelastung der BerlinerInnen dafür gern in Kauf nehmen – beschleunigt sie doch gleichzeitig die anvisierte Umstruk­tu­rierung der Innenstadt zum Wohn- und Wirtschaftsstandort der gut Betuchten.

Die Bürgerinitiative Wilhelmstraße Berlin Mitte ruft von Ferienwohnungen im eigenen Haus genervte BerlinerInnen zur Vernetzung und zum Planen gemeinsamer Aktivitäten auf, um zusammen Druck auf die Stadtpolitik zu erzeugen.

Für den 10. September lädt die BI außerdem zu einer Podiumsdiskussion mit den Parteien ein: „Ferienwohnungen in Mehrfamilienhäusern – Wie lange noch?“ 18:00 Uhr im Speisesaal der Grundschule am Brandenburger Tor, Wilhelmstraße 52. (Einladung als pdf)


3 Antworten auf „Ferienwohnungen und Wohnungsknappheit“


  1. 1 trudelfisch 19. August 2009 um 14:19 Uhr

    Seltsame Welt: Erst verbieten die Eigentümer der Wohnsiedlung an der Wilhelmstraße ihren Mieter/innen die Benutzung des Wortes „Hotel“, um die massenhafte Unterbringung von Touristen in ihren Häusern, die eigentlich ganz normale Mietwohnungen bergen, zu beschreiben.

    Aufgrund der juristischen Drohungen (fristlose Kündigung u.a.) trauen sich die Leute von der BI Wilhelmstraße, das Offensichtliche nunmehr nur noch als „hotelähnliche Nutzung“ oder „Ferienwohnungn“ zu benennen. Klingt natürlich sehr viel weniger problematisch.

    Und dann das: Für die „Appartments am Brandenburger Tor“ wird ganz schamlos Werbung mit dem Schlagwort „Hotel“ gemacht.
    Mehr auf dem Blog eines engagierten Mitglieds der BI Wilhelmstraße.

    (Bericht und Interview im MieterEcho vom April)

  2. 2 Ferienwohnungen 21. Januar 2010 um 14:45 Uhr

    Was mich an dieser Diskussion stört, ist die Pauschalisierung eines Falles für das gesamte „Ferienwohnungsgewerbe“, wenn man es denn so nennen mag. Ein schwarzes Schaf macht noch keine verdorbene Herde. Wir selbst bieten ebenfalls Ferienwohnungen in Berlin Moabit an und sind stets darauf bedacht die Rechte der Mitmieter zu achten. Beschwerden können direkt an uns gerichtet werden.

    Wir erhalten auch viele positive Rückmeldungen. Mieter, die sich über den Austausch mit internationalen Gästen freuen oder für die eigene Verwandtschaft eine peiswerte und nahe Unterkunft suchen, da die eigenen vier Wände zu eng sind.

    Die meisten Wohnungen, die von uns in Ferienwohnungen umgewandelt werden, stehen schon seit vielen Monaten frei, einige Wohnungen sogar schon seit einigen Jahren.

    1,5 Millionen Besucher, so schätzt man, buchten sich 2009 eine Ferienwohnung in Berlin. Dies bedeutet auch eine besondere Einnahmequelle für die finanzschwache Stadt. Darunter sind auch viele Familien mit Kindern, die sich ein teures Hotel nicht leisten können.

    Solcherlei Argumente sollten ebenfalls beachtet werden, wenn über „Ferienwohnungen und Wohnungsknappheit“ diskutiert wird.

  3. 3 Michael 01. November 2010 um 17:46 Uhr

    Die meisten Unternehmer sind auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Denn nur so funktioniert die freie Marktwirtschaft. Daher kann man keinem einem Vorwurf machen, der seine Wohnung als Ferienwohnung vermietet. Sicherlich ist das in Berlin ein Problem. Es geht aber gar nicht, daß Vermieter von Ferienwohnung hier zu irgendetwas gezwungen wird. Wir leben in einem freien Land! Das sollte man nicht vergessen. Ich habe mich auch für mehr Gewinn entschieden und aus meiner Einliegerwohnungen eine Ferienwohnung gemacht. Nur mit dem Unterschied, daß diese nicht in Berlin ist und sich daher auch keiner darüber aufregt.

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