GrenzgängerArt – Zwischen Kreativität und Aufwertung

Gentrifizierung in Berlin-Neukölln und Tel Aviv-Florentin im Vergleich: Podiumsdiskussion und Kiezspaziergang

Am Freitag, den 16. Oktober findet um 20 Uhr in die Meuterei (Reichenberger Str. 58, Kreuzberg) eine Podiumsdiskussion statt, mit

  • Dr. Talia Margalit (Architektin, Dozentin für Geographie und Stadtentwicklung, Universität Negev), Henrik Lebuhn (Politologe, HU Berlin)
  • Franziska Frielinghaus (Lernen in Stadtteilbewegungen)
  • Roee Suffrin (Bildender Künstler, Jerusalem)
  • Alma Allora (Kunststudium Tel Aviv und Weimar)
  • Matthias Merkle (Retsina Film, Freies Neukölln)

und anschließendem Konzert mit End/on/exxxtreme (Berlin, Tel Aviv).

Steigende Mietpreise, ein deutlicher Zuwachs von jungen und meist deutschen Studierenden sowie die (vehemente) Etablierung von Szenekneipen, Galerien und Büros der Kreativbranche wurden bereits 2006 als erste Anzeichen eines Gentrifizierungsprozesses in Nord-Neukölln diskutiert. In Berlin gelten Teile von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain als typische Beispiele solcher Entwicklungen. Diese Aufwertungen lassen sich auch im Tel Aviver Stadtteil Florentin beobachten.

Weltweit wird Gentrifizierung als Aufwertung von Stadtteilen bezeichnet, in deren Verlauf die dort lebenden ärmeren Bevölkerungsgruppen durch besser verdienende Haushalte verdrängt werden. Hier und dort bleibt der Widerspruch zwischen den eigenen kulturellen Bedürfnissen nach einer ansprechenden Infrastruktur im Kiez und den damit ausgelösten Veränderungen heikel.

Gentrifizierung ist genauso ein Ausdruck unterschiedlicher sozialer und ökonomischer Interessen – auch innerhalb der Ortsansässigen. Künstler_innen, Studierende und Selbstständige sind dabei die sogenannten Pioniere, die – so der Vorwurf – den Stadtteil zunächst in kultureller Hinsicht vorantreiben und dann in sozialer wie ökonomischer
Dimension verändern.

Aber wer ist eigentlich meine (neue) Nachbar_in und wie lebt es sich 2009 im Kiez?

Neukölln und Florentin sind längst wohl bekannte „Geheimtipps“ in Reiseführern, Kulturzeitschriften oder Zeitungsfeuilletons. Führt diese werbende Berichterstattung zur veränderten Wahrnehmung eines Gebiets? Hat kulturelles Kapital der Künstler_innen automatisch die Verdrängung des klassischen Arbeitermilieus zur Folge? Und trage ich mit dem Besuch meiner Lieblingskneipe dazu bei, dass ich übermorgen meine Miete nicht mehr zahlen kann?

Nicht widerspruchsfrei sind Bewegungen im lokalen Raum: Wir haben Kulturschaffende und Akademiker_innen geladen, um zu schauen, wo und wie Freiräume genutzt werden (können). Wie sehr ähnelt der Berliner Phänomen dem Tel Aviver tatsächlich? Nicht linear verlaufen von Menschen gemachte Grenzen: Daher soll die Veranstaltung zur kritischen Reflektion der Pionierrolle im global-westlichen Prozess der Gentrifizierung beitragen.

Samstag 17. Oktober Tagesseminar mit Kiezspaziergang durch Neukölln und Kreuzberg

Treffpunkt ist um 11 Uhr vor der Werkstatt der Kulturen (Wissmannstr. 32)

Aufwertungsprozesse verlaufen nicht nach einheitlichen Mustern. Jeder davon betroffene Stadtteil geht seinen eigenen Weg. Im am Freitag behandelten Neuköllner Reuterkiez sticht die Pionierrolle der künstlerischen und alternativ-kleinunternehmerischen Eroberung des Straßenbilds überdeutlich ins Auge (ohne dass wir wüssten, wo dies schließlich hinführen wird). Dagegen sieht der Prozess im benachbarten Reichenberger Kiez schon wieder anders aus. Hier, im einst einkommensschwächsten Teil Kreuzbergs, zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal, ist laut einer Sozialstudie innerhalb von drei Jahren das durchschnittliche Einkommen um 30% gestiegen. Aber nicht weil die KiezbewohnerInnen plötzliche mehr Geld in der Tasche haben, sondern weil neu Hinzuziehende deutlich mehr Geld verdienen als die, die schon länger im Kiez wohnen.

Ausgerechnet hier im Kiez wurde das Luxus-Wohnbauvorhaben ‚Carlofts‘ errichtet, das auf einigen Widerstand stieß. Anhand des Reichenberger Kiezes wollen wir aufzeigen, welche große Bandbreite an Phänomenen baulich-gestalterischer Aufwertung sich im Stadtraum entdecken lassen und welche immobilienökonomischen und soziokulturellen Prozesse sich dahinter zu erkennen geben. Außerdem werden wir über verschiedene Ideen berichten, wie sich Leute gegen steigende Mieten und Verdrängung aus dem Kiez zu wehren versuchen.

Mit Aktivisten von Steigende Mieten Stoppen! und den Spreepirat_innen.

Veranstaltet vom Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung.