Alt-Treptow: Baugruppen torpedieren Betroffenen-Vernetzung

Freitagabend in der Karl-Kunger-Straße: Die ‚Initiative gegen Mieterhöhung und Verdrängung in Alt-Treptow‘ hatte zur Vernetzung von MieterInnen geladen, die von Mietsteigerungen betroffen sind und sich von den Folgen einer Aufwertung ihres Kiezes bedroht sehen. Es solle darum gehen, sich um die aktuelle Wohnsituation auszutauschen und miteinander zu besprechen, wie den Sorgen, aus dem eigenen Wohnumfeld verdrängt zu werden, begegnet werden kann.

Tatsächlich waren etwa 50 Interessierte im Loesje-Ladenlokal erschienen. Ein Vertreter der Berliner Mietergemeinschaft gab einen Überblick über die derzeitige Berliner Wohnungspolitik, die sich seit Jahren nicht mehr um die Belange der einkommensschwachen Bevölkerung kümmert, sondern viel lieber Mittelschichten hofiert, sich in der Innenstadt breit zu machen: Moderne Reihenhäuser (sogenannte ‚Townhouses‘), Stadtvillen voller Eigentumswohnungen und ebenfalls eigentumsorientierte Baugruppen bilden nämlich seit Jahren den Kern der wenigen innerstädtischen Neubauten. Sie alle sind nur für Leute erreichbar, die über satte Rücklagen oder ein sehr ordentliches Einkommen verfügen. Dagegen werden günstige Wohnungen immer knapper, und daher auch teurer. Ein sozialer Wohnungsbau, der diese drängende Nachfrage bedienen würde, ist abgeschafft.

Im Kunger-Kiez zeigen sich denn auch all die Erscheinungen einer neoliberalen Wohnungspolitik: Der Wohnungsbestand wird teuer modernisiert, viele Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt. Professionelle, profitorientierte Immobilienunternehmen lösen immer mehr die früheren privaten Hauseigentümer ab, die mit den normalen Mieteinnahmen zufrieden waren. Die Mieten werden nach und nach angehoben, MieterInnen stoßen nach und nach an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und sehen sich über kurz oder lang von der Verdrängung aus ihrem Kiez bedroht. Dazu kommen dann noch zahlreiche ambitionierte Neubauvorhaben, darunter einige Baugruppen-Projekte, die die Entwicklung im Kiez deutlich sichtbar anheizen.

An dem Punkt, an dem sich nun also Betroffene in der Veranstaltung zu Wort hätten melden können, ergriffen jedoch zahlreich anwesende Baugruppen-Mitglieder das Wort und beteuerten ihre Gutherzigkeit und sozial gestimmte Gesinnung. Eine Nachfrage nach der Höhe des persönlichen Einkommens (erste Antwort: 4000 Euro im Monat) machte schnell die soziale Schere zwischen der Baugruppen-Szene und den im Kiez von Mietsteigerungen betroffenen AnwohnerInnen deutlich. Dennoch kostete es viel Zeit und Mühe, die offensichtlich von schlechtem Gewissen und Rechtfertigungsdrang angetriebenen Baugruppen-VertreterInnen davon zu überzeugen, dass dies nicht ihre Veranstaltung war. Und dass sie einfach mal die Schnauze halten sollten, damit (weniger redegewandte) Betroffene sich zu Wort melden könnten.

So wurde dann doch noch deutlich, dass eine ganze Menge Anwesende von der aktuellen Entwicklung im Kiez ziemlich angepisst waren. Viele fürchteten das steigende Mietniveau, einige sahen mit der baulichen Aufwertung auch den Verlust charakteristischer Freiflächen, wie zum Beispiel der Obst- und Nussbaumwiese am Schmollerplatz, die von einer neuen Baugruppe okkupiert werden soll.

Von Seiten des Podiums wurde betont, die Mitgliedschaft in einem Mieterverband und die damit verbundene mietrechtliche Rechtschutzversicherung sowie der Zugang zu kompetenter Mieterberatung stelle eine wesentliche Voraussetzung dar, sich mittels Mietrecht gegen Mieterhöhungen zur Wehr zu setzen. Wichtig seien aber auch der Austausch und die gegenseitige Unterstützung in der Nachbarschaft. Der Vertreter der Mietergemeinschaft stellte gar die Einrichtung einer regelmäßigen Mieterberatung im Kunger-Kiez in Aussicht.

Für den kommenden Sonntag (1. November) wurde vonseiten der Initiative eine gemeinsame Besichtigung der Situation am Schmollerplatz und eine Begehung der Obstbaumwiese angekündigt, auf der die Baugruppe bauen will. Treffpunkt ist um 14 Uhr die Kiezgallerie in der Karl-Kunger-Straße 15.