Archiv für Oktober 2009

Jetzt aber Zucker bei die Fische!

Süßes sonst gibt's SauresAm 31. Oktober 2009 ist der ehemalige Flughafen Tempelhof seit einem Jahr geschlossen und die Öffentlichkeit ist weiterhin ausgeschlossen. Die im Herbst 2008 angekündigte Öffnung für Mai 2009 soll nun im Mai 2010 stattfinden. Eine für den 20. Juni geplante Öffnung mit einer selbstorganisierten Besetzung des Geländes wurde mit einem martialischen Polizeieinsatz verhindert. Weiterhin ist das Tempelhofer Feld mit Zaun, Nato-Draht und Wachschutz mehr gesichert als zu Zeiten des Flugbetriebs.

Der Senat verspricht nun einen Park, aber für wen? Senatorin Junge-Reyer sagt, der geplante Park wird „sauber und schön“. Mit Zaun, Wachschutz und nächtlicher Schliessung soll der Park „nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen“ werden. Geplant ist, mit dem „Landschaftspark“ und einer internationalen Gartenausstellung Gelände und Gebäude für das freie Spiel der Investoren und Spekulanten mit Gewerbe und Immobilien attraktiv zu machen und ihnen zu überlassen.

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AbrissBerlin brandmarkt das Stadtlifting

Anmerkung der Tipperin: Die städtebauliche Moderne hat Berlin nicht nur manches seltsame oder bemerkenswerte, geliebte oder gehasste Bauwerk beschert – sie hat in der Stadt auch erstmals in der neueren Geschichte eine halbwegs zufriedenstellende Wohnraumversorgung ermöglicht. Heute gelten die Bauten der Moderne – zumindest der seit 1945 – oft als hässlich, unzeitgemäß, vielleicht sogar unmenschlich, sollen weg oder werden nur so auf Zeit geduldet. AbrissBerlin hat sich als Initiative gegen diese Verurteilung der gebauten Moderne gegründet.

Am Freitag, den 30.10.2009 lädt AbrissBerlin ab 19 Uhr zu Ausstellungseröffnung, Diskussion und Livemusik in die NewYorck im Bethanien ein.

Vom Rand der Wahrnehmung in die Mitte des Herzens:

Was eröffnet uns die Moderne? Was zerstören der Kapitalismus und unsere unbedachte Gier? Diesen und anderen Fragen nähern sich Daniel S. Schaubs Installation und Fotografien architektonischer Artefakte der Moderne sowie das Westmonster musikalisch an. Mit einer Interview-Performance öffnen Karin Baumert und die Ostprinzessin den Raum zur Diskussion.

Der Eintritt ist frei. Getränke gibt es am Solitresen.

Die Ausstellung ist bis zum 27.11. in der NewYorck im Bethanien, Mariannenplatz 2a, Berlin-Kreuzberg zu erleben.

Eigentum und Verdrängung im Graefekiez

Aufwertungsprozesse verlaufen nicht nach einheitlichen Mustern. Jeder davon betroffene Stadtteil geht seinen eigenen Weg.

Können solche Prozesse sozial verträglich ablaufen, d.h. als eine Veränderung oder Weiterentwicklung, die mit allen BewohnerInnen gemeinsam erfolgt, ohne Einzelne unfreiwillig zu vertreiben?

Im Graefekiez wollen wir dazu einen Kiezspaziergang machen. Dabei werden wir insbesondere um die Umwandlungsprozesse von Mietbestand in Eigentumsbesitz kümmern. Viele Wohnungen werden hier in Eigentum umgewandelt und damit dem Mietmarkt entzogen.

Aber es gibt auch andere Prozesse der Aufwertung, wie Luxusneubauten, Lofts in ehemaligen Gewerbehöfen und auch Neubau von Wohnraum durch Baugruppen.

Wir laden euch ein, diese Objekte im Kiez zu besuchen.

Kiezspaziergang Sonntag, den 1.11.09
Treffpunkt Admiralbrücke, 14 Uhr

Veranstaltet von der Miet AG im Graefekiez

GrenzgängerArt – Zwischen Kreativität und Aufwertung

Gentrifizierung in Berlin-Neukölln und Tel Aviv-Florentin im Vergleich: Podiumsdiskussion und Kiezspaziergang

Am Freitag, den 16. Oktober findet um 20 Uhr in die Meuterei (Reichenberger Str. 58, Kreuzberg) eine Podiumsdiskussion statt, mit

  • Dr. Talia Margalit (Architektin, Dozentin für Geographie und Stadtentwicklung, Universität Negev), Henrik Lebuhn (Politologe, HU Berlin)
  • Franziska Frielinghaus (Lernen in Stadtteilbewegungen)
  • Roee Suffrin (Bildender Künstler, Jerusalem)
  • Alma Allora (Kunststudium Tel Aviv und Weimar)
  • Matthias Merkle (Retsina Film, Freies Neukölln)

und anschließendem Konzert mit End/on/exxxtreme (Berlin, Tel Aviv).

Steigende Mietpreise, ein deutlicher Zuwachs von jungen und meist deutschen Studierenden sowie die (vehemente) Etablierung von Szenekneipen, Galerien und Büros der Kreativbranche wurden bereits 2006 als erste Anzeichen eines Gentrifizierungsprozesses in Nord-Neukölln diskutiert. In Berlin gelten Teile von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain als typische Beispiele solcher Entwicklungen. Diese Aufwertungen lassen sich auch im Tel Aviver Stadtteil Florentin beobachten.

Weltweit wird Gentrifizierung als Aufwertung von Stadtteilen bezeichnet, in deren Verlauf die dort lebenden ärmeren Bevölkerungsgruppen durch besser verdienende Haushalte verdrängt werden. Hier und dort bleibt der Widerspruch zwischen den eigenen kulturellen Bedürfnissen nach einer ansprechenden Infrastruktur im Kiez und den damit ausgelösten Veränderungen heikel.

Gentrifizierung ist genauso ein Ausdruck unterschiedlicher sozialer und ökonomischer Interessen – auch innerhalb der Ortsansässigen. Künstler_innen, Studierende und Selbstständige sind dabei die sogenannten Pioniere, die – so der Vorwurf – den Stadtteil zunächst in kultureller Hinsicht vorantreiben und dann in sozialer wie ökonomischer
Dimension verändern.

Aber wer ist eigentlich meine (neue) Nachbar_in und wie lebt es sich 2009 im Kiez?

Neukölln und Florentin sind längst wohl bekannte „Geheimtipps“ in Reiseführern, Kulturzeitschriften oder Zeitungsfeuilletons. Führt diese werbende Berichterstattung zur veränderten Wahrnehmung eines Gebiets? Hat kulturelles Kapital der Künstler_innen automatisch die Verdrängung des klassischen Arbeitermilieus zur Folge? Und trage ich mit dem Besuch meiner Lieblingskneipe dazu bei, dass ich übermorgen meine Miete nicht mehr zahlen kann?

Nicht widerspruchsfrei sind Bewegungen im lokalen Raum: Wir haben Kulturschaffende und Akademiker_innen geladen, um zu schauen, wo und wie Freiräume genutzt werden (können). Wie sehr ähnelt der Berliner Phänomen dem Tel Aviver tatsächlich? Nicht linear verlaufen von Menschen gemachte Grenzen: Daher soll die Veranstaltung zur kritischen Reflektion der Pionierrolle im global-westlichen Prozess der Gentrifizierung beitragen.

Samstag 17. Oktober Tagesseminar mit Kiezspaziergang durch Neukölln und Kreuzberg

Treffpunkt ist um 11 Uhr vor der Werkstatt der Kulturen (Wissmannstr. 32)

Aufwertungsprozesse verlaufen nicht nach einheitlichen Mustern. Jeder davon betroffene Stadtteil geht seinen eigenen Weg. Im am Freitag behandelten Neuköllner Reuterkiez sticht die Pionierrolle der künstlerischen und alternativ-kleinunternehmerischen Eroberung des Straßenbilds überdeutlich ins Auge (ohne dass wir wüssten, wo dies schließlich hinführen wird). Dagegen sieht der Prozess im benachbarten Reichenberger Kiez schon wieder anders aus. Hier, im einst einkommensschwächsten Teil Kreuzbergs, zwischen Görlitzer Park und Landwehrkanal, ist laut einer Sozialstudie innerhalb von drei Jahren das durchschnittliche Einkommen um 30% gestiegen. Aber nicht weil die KiezbewohnerInnen plötzliche mehr Geld in der Tasche haben, sondern weil neu Hinzuziehende deutlich mehr Geld verdienen als die, die schon länger im Kiez wohnen.

Ausgerechnet hier im Kiez wurde das Luxus-Wohnbauvorhaben ‚Carlofts‘ errichtet, das auf einigen Widerstand stieß. Anhand des Reichenberger Kiezes wollen wir aufzeigen, welche große Bandbreite an Phänomenen baulich-gestalterischer Aufwertung sich im Stadtraum entdecken lassen und welche immobilienökonomischen und soziokulturellen Prozesse sich dahinter zu erkennen geben. Außerdem werden wir über verschiedene Ideen berichten, wie sich Leute gegen steigende Mieten und Verdrängung aus dem Kiez zu wehren versuchen.

Mit Aktivisten von Steigende Mieten Stoppen! und den Spreepirat_innen.

Veranstaltet vom Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung.

Sonderheft Tempelhof

Die Mietergemeinschaft hat ihre aktuelle Ausgabe des Mieter­Echos dem Ex-Flughafen Tempelhof und seiner umstrittenen Nachnutzung gewidmet. Dabei geht es um eine kritische Betrachtung der bisherigen Pläne für das Flugfeld und um die Folgen für die umliegenden Kieze. Die Initiative Tempelhof für Alle steuerte einen Beitrag bei, in dem ein Moratorium, eine mindestens zehnjährige Veränderungssperre und gleichzeitige Öffnung des Geländes gefordert wird. Und aus Hamburg kommt ein Bericht, wie das Instrument der Internationalen Bauausstellung (IBA) für den dortigen Stadtteil Wilhelmsburg zur gezielten Aufwertung und Verdrängung eingesetzt werden soll – auch für Tempelhof ist eine IBA geplant.

Zusätzlich gibt es noch diesen und jenen weiteren Artikel im MieterEcho Nr. 336, so zum Beispiel über die Privatisierungs-Institution des Berliner Liegenschaftsfonds, über den Kampf von MieterInnen des Scheunenviertels um ihren Nachbarschaftsgarten und um die bedrohten Szeneprojekte Schwarzer Kanal und Liebig14.

Das Heft ist an vielen Orten kostenlos erhältlich, auf jeden Fall in der Geschäftsstelle der Mietergemeinschaft in der Möckernstraße 92 (Ecke Yorckstraße) in Kreuzberg, aber auch im Netz als PDF-Datei (1,5MB).