Karla Pappel zur Kunger-Kiez-Veranstaltung

Am 30. Oktober hatte es eine AnwohnerInnenversammlung in Alt-Treptow gegeben, um über die Kiez- und Mietenentwicklung zu sprechen. Den ersten Bericht, der hier auf dem Blog veröffentlicht wurde, ergänzt die Stadtteilinitiative Karla Pappel:

Bei uns in Alt-Treptow (südlich vom Görlitzer Park) sind seit über einem Jahr unterschiedliche Zerstörungs- und Verdrängungsprozesse auf kleinstem Raum greifbar. Viele Wohnungen der ehemaligen städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW wurden vom Cerberus Hedgefond gekauft, billig saniert und die Mieten erhöht. Mittlerweile haben die Nachfolger Pirelli RE und die Deutsche Bank die Wohnungen übernommen und treiben die Mieten weiter nach oben. (Die Deutsche Bank hält 60% Anteile und Pirelli RE 40% Anteile an den von Cerberus gekauften GSW-Wohnungen.) Der Mietspiegel wird entsprechend steigen.

Hauptproblem: Neoliberale Stadtpolitik

Ein Vertreter der Berliner Mietergemeinschaft beschrieb die politische Situation letzten Endes so: Eingriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten, um Menschen mit weniger Geld zu erlauben, in Berlin wohnen zu bleiben, sind seit langem nicht mehr Gegenstand der Politik von Senat und Bundesregierung. Sozialverträgliche Wohnungspolitik findet nicht mehr statt, statt dessen eine Stadtentwicklung im Sinne der Reichen und Schönen. In Alt-Treptow sei das wieder einmal gut zu beobachten.

Menschen, die ihre Wohnung aufgeben und hier eine neue Wohnung im entsprechend niedrigen Preissegment suchen, werden nichts mehr finden, denn bei Neuvermietungen wird kräftig drauf geschlagen. Daher sollte jeder versuchen, seine Wohnung zu halten, denn Chancen, sich auf rechtlicher Ebene gegen Wohnungssanierung und Mieterhöhung (als Anpassung an den Mietspiegel oder einfach nur so) zu wehren, gibt es nur noch für AltmieterInnen. Sie müssen sich zusammentun und sich Unterstützung suchen.

Neoliberale Verdrängung, Ausgrenzung und Ausverkauf der Lebensräume bestimmen die Politik. Wir müssen befürchten, dass die Ausbeutung der Mieter andauert und härter wird.

Weiter Beispiele für diesen „Aufwertungsprozess“ im Kiez, der die Mieten in die Höhe treibt, öffentliche Grünflächen zerstört und AnwohnerInnen verdrängt, sind u.a. auch folgende:

  • Nahe dem Ufer des Landwehrkanals auf einer vorher sehr schönen, für alle zugänglichen Grünfläche, hat ein Käufer/Eigentümer eine Villa am Ufer mit Luxuswohnungen gebaut. Die Nettokaltmieten sind dort 2 bis 3-mal höher als sonst in Alt-Treptow. Auch das treibt den Mietspiegel wieder hoch. Auch die restlichen Grünflächen dort am Kanal sollen auf diese Art bebaut werden.
  • Schon seid mehreren Jahren werden in unserer ehemals reinen Mietersiedlung immer mehr Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt. Das können sich nur wohlhabende Leute leisten.
  • Im Oktober hat die LPG einen großen Ökomarkt eröffnet. Das zieht ebenfalls reichere Familien in den Kiez.
    Diese Verdrängung und „Prenzelbergisierung“ wird durch die Eigentumswohnungs-BauerInnen, die sich selbst gern als Baugruppe bezeichnen, mit beschleunigt.
  • Der Bau der Eigentumswohnungen der Baugruppen „Zwillingshaus“ und „KarLoh“ an der Lohmühlenstraße ist im vollem Gange. „KarLoh“ hatte dazu im Februar gegen unseren Widerstand viele große Bäume fällen lassen und musste dafür läppische 13000 Euro Ausgleichszahlungen leisten.

Noch mehr eigentümliche Eigentümer

Wir haben vor kurzem herausgefunden, dass eine weitere sogenannte Baugruppe 300m weiter, am Schmollerplatz 1, bauen will und dafür ein kleines Naturparadies zerstören will. Nachdem wir im Kiez darüber informiert hatten, entstand eine große Betroffenheit der AnwohnerInnen. Viele wohnen seit Jahrzehnten hier. Das Naturparadies, als letzter Rest der ehemaligen großen Gartenanlagen in Alt-Treptow, ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Ihre Kinder waren damit/darin groß geworden.

Die Eigentumswohnungs-BauerInnen „Schmollerplatz 1″ waren mit ca. 7 Leuten bei der Veranstaltung präsent. Sie haben versucht sich als nette Leute darzustellen, die ja nichts Böses wollen. Teilweise waren sie scheinbar von den Auswirkungen ihres Handelns überrascht. Sie versuchten aber, ihre Verantwortung für Zerstörung und Verdrängung auf ein breiteres politisches Feld abzuwälzen. Man solle doch in den Dialog mit ihnen gehen, meinten sie. Diesen haben sie allerdings nie gesucht, bevor sich AnwohnerInnen formiert haben. Sie haben nicht einmal ihr Vorhaben bekannt gemacht.

Nach unseren Erfahrungen, vor allem mit „KarLoh“, wollen sie uns mit ihrem „Dialog“ hinhalten und kontrollieren, sich nett verständigen, ohne dass sie als eigentumsorientierte Baugruppe auch nur einen Millimeter von ihrem Vorhaben abweichen. Sie boten uns großzügig die letzten Walnüsse der vier großen, uralten Walnussbäume an, die sie u.a. fällen wollen. Sie würden die Walnüsse in einem Sack vor das Grundstück für uns hinstellen, dann könnten wir sie uns nehmen. Sie wußten nicht, daß die Walnuss-Erntezeit schon vorbei ist und wir die Nüsse schon längst aufgesammelt hatten (und auf der Veranstaltung verteilt haben). Das erzählt viel darüber, dass sie ihr Grundstück gar nicht kennen und nur als Geldwert und Baugrund wahrnehmen. Und sie dachten anscheinend, man könnte die Menschen, denen sie einen Teil ihres Lebensraums wegnehmen, mit ein paar Walnüssen besänftigen.

Neben einer asozialen Einstellung gegenüber den AnwohnerInnen hatte das in unseren Augen eine entlarvende Geste. Diese wurde noch dadurch bekräftigt, dass eine Frau der Schmollerplatz-1-Zerstörer ankündigte, man werde das Grundstück mit einer Kette absperren – natürlich nur aus versicherungsrechtlichen Gründen.

Abschließend sei vielleicht festzustellen, dass wir auf zukünftigen Veranstaltungen eigentumsschaffende Baugruppen mit ihrem Sozial-Blabla rausschmeißen müssten, weil sie konsequent „Betroffenenorganisierungen“ sabotieren.

Mehrere AnwohnerInnen, die entsetzt über die Gentrifizierung und die weitere Baugruppe im Kiez sind, meldeten sich auch im Nachhinein noch bei uns und/oder kamen zur Begehung des Schmollerplatz 1 am darauffolgenden Sonntag. Wir machen weiter und freuen uns über jede Unterstützung.


1 Antwort auf „Karla Pappel zur Kunger-Kiez-Veranstaltung“


  1. 1 Charles 17. September 2010 um 16:23 Uhr

    Mein Gott! Was bin ich froh wenn diese ganzen Idioten die den kunger-kiez tagtäglich mit besoffenen gepöbel und ihren alles vollscheissenden tölen terrorisieren endlich weggentrifiziert werden!
    Auch wenn ich mir dann selber die miete wahrscheinlich nicht mehr leisten kann – das wäre es schon wert gewesen.
    Steigende Mieten sind ein Problem – Arschlöcher ein anderes…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.