Gentrifier kämpfen für sauberen Reiche-Kiez

Viel Aufregung gibt es zur Zeit im Berliner Blätterwald und im Kiez um die Reichenberger Straße in Kreuzberg, da in einer alten Schule ein neuer Druckraum für Drogenabhängige eingerichtet werden soll. Der bisherige „Fixpunkt“ in der Dresdner Straße war nach einer Kündigung durch den Hauseigentümer geschlossen worden, und angeblich sollen nirgendwo in der Umgebung andere private Hauseigentümer bereit gewesen sein, einen Mietvertrag für eine derartige soziale Einrichtung abzuschließen. Also hatte sich der Bezirk nach eigenen Immobilien umgesehen und war in der Reichenberger Straße 131 fündig.

Katja Schlesinger, eine der InitiatorInnen der Bürgerinitiative gegen den neuen Druckraumstandort, befürchtet eine „Wanderung der Drogenszene“ vom Kotti in ihren Kiez. Familien würden wegziehen und so die „positive Entwicklung des Kiezes“ aufheben, wenn die Fixerstube in der Reichenberger Straße eröffnet werde, glaubt Katja Schlesinger.
Taz Berlin vom 29.10.09: Druck gegen Druckraum

Ja, denn jetzt, wo in der Reichenberger Straße die Carlofts stehen, die Mieten und Durchschnittseinkommen rasant steigen und mit der LPG auch endlich ein großer Bio-Supermarkt aufgemacht hat, schien der aufstiegsorientierten Mittelschicht im Kiez die Entwicklung endlich einmal in den Kram zu passen. Und dann ein Druckraum. Da man ja zu den Guten gehört und die Verantwortung der Gesellschaft auf den Schultern zu tragen meint, muss man auch gleich das größte Gewicht in die Waagschale werfen, das man zu haben scheint: Die eigenen Kinder von der lokalen Schule abzuziehen. (Also ungefähr das, was Unternehmensbosse meinen, wenn sie drohen, ihre Fabriken ins Ausland zu verfrachten.)


In der Umgebung befinden sich viele Schulen und Kitas. Es müsse eine bessere Alternative her. In einem Schreiben an die taz fordert die Bürgerinitiative eine Lösung direkt am Kottbusser Tor.

…und das, wo der bisherige Fixpunkt am Kotti nur wenige Meter von zwei Kitas entfernt lag. Aber das wird den Reichenberger GutbürgerInnen wahrscheinlich egal sein. Geht es doch nur darum, vor der eigenen Haustür zu kehren. Oder, wie man anderswo sagt: Not in my backyard. Solcher NIMBY-Argumentation kann es herzlich egal sein, dass Druckräume für Abhängige einfach mal die Gelegenheit bieten, Wäsche zu waschen, den Stoff auf Verschmutzungen und Gifte zu prüfen und im Notfall schnelle Hilfe zu leisten – kurzum: Leben zu retten und die Sucht etwas weniger gesundheitsgefährdend sein zu lassen. Auch egal kann es der BI sein, dass die Druckräume in Neukölln und Moabit seit ihrer Einrichtung keinen Anlass zu Beschwerden zu geben scheinen. Oder liegen sie einfach (noch) nicht in Aufwertungsgebieten?

Morgen, nein heute, also am Donnerstag den 12. November, soll es jedenfalls um 17:00 Uhr eine AnwohnerInnenversammlung in der Mensa der Niederlausitz-Grundschule, Reichenberger Str. 64 geben, zu der Bürgermeister Franz Schulz sein Erscheinen angesagt hat. Und am 18. November ist eine weitere Veranstaltung um 19:30 Uhr in der ZiK-Orangerie, Reichenberger Str. 129, angesetzt.

Letztendlich ist ein neuer Druckraum sicherlich keine wirkliche Lösung der Problematik harter Drogen. Erst der Verbot dieser Substanzen macht es möglich, dass mieses Zeug zu horrenden Preisen, oft schwer verunreinigt, gehandelt wird. Und damit die Bedingungen schafft, die Junkies nach und nach in die Zerstörung ihres Körpers treibt. Gut situierten Abhängigen war es dagegen selten ein Problem, ihre Sucht recht unauffällig mit einem mehr oder weniger bürgerlichen Leben zu verbinden.


5 Antworten auf „Gentrifier kämpfen für sauberen Reiche-Kiez“


  1. 1 klemens 13. November 2009 um 11:43 Uhr

    kein anlass zu beschwerden?

    aus dem dem bericht von fixpunkt.org über vorfälle im druckraum dresdner strasse 2008:

    61 (2007: 35) BesucherInnen mit Konsumabsicht mussten abgewiesen werden. 19 Mal bestand der Wunsch, Rohypnol i. v. zu konsumieren, was die Rechtsverordnung nicht gestattet. Neun Mal wollten KonsumentInnen teilen, ebenfalls neun Mal war ein Regelverstoß, der nicht näher beschrieben wurde, Grund für eine Abweisung. Sieben Mal durften ärztlich Substituierte den Konsumraum nicht nutzen, sechs Mal wollten BesucherInnen den Inhalt bereits aufgezogener Spritzen injizieren und fünf Mal waren die KonsumentInnen bereits zu intoxikiert. Vier BesucherInnen mussten abgewiesen werden, da sie beabsichtigten, gebrauchte Filter aufzukochen und ein Besucher durfte den Konsumraum nicht nutzen, da er sich eines falschen Namens bediente.

    24 (2007: 6) Hausverbote mussten 2008 ausgesprochen werden. 20 Mal wurde die Hausordnung wiederholt missachtet, einmal wurde wiederholt riskant konsumiert, ebenfalls einmal wurde wegen Diebstahls ein Hausverbot ausgesprochen. Einem Besucher musste zum Schutz der MitarbeiterInnen und anderen BesucherInnen wegen einer offenen TBC ein Hausverbot erteilt werden.

    das heisst, es wird durchschnittlich jeden zweiten tag zu auseinandersetzungen in und vor dem druckraum kommen. und das direkt neben einem spielplatz und einer schule, gegenüber mehrerer kitas und in unmittelbarer nähe von weiteren schulen.

    die befürchtungen und der ärger der anwohner hat nichts mit besserverdiener und gentrifizierung zu tun, sondern damit, dass der standort äusserst ungünstig gewählt ist und gänzlich an den anwohnern vorbei bestimmt wurde! das ist mieserable kiezpolitik.

    hier sind migranten und nichtmigranten, zugezogene kreuzberger natives, besserverdienende und hartz-IV-empfänger gleichermassen betroffen! am wenigsten schert der druckraum wahrscheinlich noch die neu hierher gezogenen party- und medienfuzzis.

    auch ich habe nichts mit den carlofts am hut (auch ein ergebnis miserabler kiezpolitik!) und lebe schon zu lange im kiez, um mich in deine vereinfachenden schubladen von den bösen reichen cafe-latte-trinkenden gentrifizierern einsortieren lassen würde.

    hier braucht es eine offene diskussion zu der dein blogeintrag leider nichts beiträgt!

    klemens

  2. 2 DJ Tüddel 13. November 2009 um 16:01 Uhr

    Naja, man kann natürlich auch mit Jan Feddersen von der Taz einer Meinung sein und alles toll finden, was nach Aufwertung klingt und nicht gleich der volle Luxus ist.

    In dem Beitrag oben wird ja darauf hingewiesen – so interpretiere ich das jetzt mal – dass die Vertreterin der BI auf eine positive Entwicklung des Kiezes in den letzten Jahren abhebt. Und das vor dem Hintergrund, das in genau diesen letzten Jahren dort die Mieten empfindlich gestiegen sind, wie die Sozialstudie von TOPOS bestätigt hat. Und ebenso wurde festgestellt, dass das Einkommen neu zuziehender BewohnerInnen deutlich über dem Niveau der bisher dort lebenden liegt – Leute also, die höhere Mieten zahlen können und damit auf kurz oder lang auch die Mieten der einkommensschwächeren MieterInnen in die Höhe treiben. Mit deutlichen Einschränkungen für den Lebenswandel, wie Peter Nowak ebenfalls in der Taz beschreibt.

    Diese Aufwertung ist also festgestellt worden, und wurde auch hinlänglich thematisiert. Eine Entwicklung, die die einkommensschwachen Haushalte unter Druck setzt und letztendlich aus dem Kiez drängen wird. Die Vertreterin der BI bezieht sich aber ausdrücklich positiv auf diese Entwicklung, fürchtet sie also nicht, kann anscheinend höhere Mieten tragen – und repräsentiert mit dieser Aussage offenbar die BI. (Auch auf der Internetseite der BI wird das ansonsten doch kontrovers diskutierte Thema der steigenden Mieten mit keinem Wort erwähnt.) So halte ich es nicht für verfehlt, wenn auch recht zugespitzt, von „Gentrifiern“ zu sprechen. Welche Kaffeesorten auch immer die trinken mögen.

  3. 3 klemens 13. November 2009 um 22:49 Uhr

    es ist richtig, dass es bei dem begehren der bürgerinitiative (deren mitglied ich nicht bin) nicht um höhere mieten geht. aber um die geht es in diesem fall nun einmal nicht, sondern darum, dass ein drogenzentrum neben und zwischen vielen kitas und schulen geplant ist, (kein bordell hätte auch nur eine chance hier eine betriebsgenehmigung zu bekommen!) UND dass darüber mit keinem einzigen anwohner vorher gesprochen wurde! ich möchte in meinem kiez mitbestimmen mit allen anderen hier, egal ob ich wenig oder viel miete zahle, egal welche kaffeesorte ich trinke. auch viele türkisch- und kreuzbergstämmige familien, auf die der begriff gentrifizierer weder zugespitzt noch konkret zutrifft, stehen auch auf seiten der bürgerintiative.

    wer einmal mehr mit junkies zu tun hatte, der weiss, dass süchtige körperlich und psychisch kranke menschen sind, die aufgrund ihrer sucht ein unberechenbares, tendenziell kriminelles aggressionspotential besitzen. dass eltern sich hier um ihre kinder sorgen, ist auch in sozialschwachen familien selbstverständlich. und in einer zu heilen, harmonischen welt wachsen die kreuzberger kids ohnehin nicht auf.

    wenn sich ein strukturschwacher stadtteil entwickelt zu einem strukturgemischten, dann ist das prinzipiell nichts negatives.

    wahrscheinlich besser, als alle hartz-IV-ler und sozial schwachen unter sich in ihren mietbilligen ghettos versauern zu lassen. die reichen in ihren vierteln, die armen in ihren. keine schöne stadtvision.

    wenn allerdings aus der durchmischung der sozialen schichten eine daraus folgende welle der mieterhöhungen folgt, ist das prinzipiell schlecht.

    um das zu vermeiden, ist es allerdings unsinnig ein viertel so einkommensschwach wie möglich zu halten und zuzügler an ihrem einkommenssteuernachweis zu bewerten.
    um das zu vermeiden, braucht man einen vernünftigen milieuschutz und eine kiezpolitik, die GEMEINSAM mit den bewohnern des kiezes unternommen wird. wenn das passiert wäre, dann gäbe es hier heute auch keine carloft!

    baut den druckraum doch an den potsdamer platz! da gibt es kaum wohnungen und meines wissen weder spielzplatz, kitas und schulen.
    und genug polizei.

  4. 4 klemens 13. November 2009 um 23:00 Uhr

    und peter nowak schreibt in der taz nicht über irgendwelche einschränkungen von irgendwelchen realen menschen, sondern über irgendein theaterstück.

    wenn das deine referenzen über das leben hier im kiez sind, dann mach dich mal schlauer.

  1. 1 Gentrifier kämpfen für sauberen Reiche-Kiez « Steigende Mieten stoppen! « from town to town Pingback am 12. November 2009 um 9:47 Uhr
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