Eine kurze Geschichte der Verdrängung aus den Innenbezirken. Die Adalbert 6 in Kreuzberg.

Dieser Bericht erscheint gekürzt in der nächsten Ausgabe des MieterEchos, das in den nächsten Tagen heraus kommt (hier das Magazin als pdf, 1,4MB).

Von der A6-Hausgemeinschaft

Berlin ist „in“, die Mieten steigen rasant an, viele MieterInnen können sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten und müssen kleinere Wohnstätten in den Randbezirken suchen. Dies sind ideale Zustände für HauseigentümerInnen und InvestorInnen, denn diese können leere Wohnungen sanieren, neue Gewerberäume einrichten und Wohnräume noch teurer vermieten als zuvor oder gleich in Eigentumswohnungen umwandeln. Besonders betroffen sind Bezirke wie Kreuzberg, in denen es noch unsanierte Altbauten gibt und viele Menschen mit wenig Geld. Diese Entwicklung ist seit Jahren bekannt. Was weniger bekannt ist, sind die Machenschaften von manchen Vermietern, denen nahezu jedes Mittel recht ist, um mehr Kapital aus alten Wohnstrukturen zu schlagen.

Das erste Haus gleich hinter dem Kreuzberg Zentrum, die Adalbertstr. 6, kennen viele wegen seines großen Wandgraffitis an der Brandwand, seiner beklebten Fassade und aus vergangenen Tagen. Dass das Haus heute noch steht, ist ein Ergebnis der Hausbesetzung im Juni 1980, als die Altbauten Kreuzbergs vom Abriss bedroht waren. In den 80er Jahren, als Folge der Instandbesetzungsbewegung, war die „A6“ ein Hausprojekt im Eigentum der städtischen Gewerbesiedlungs-Gesellschaft GSG. Unter deren nomineller Verwaltung konnte die Hausgemeinschaft das Haus ihren Vorstellungen gemäß nutzen und ihre Angelegenheiten selbst verwalten. Etagenmietverträge mit weitreichenden Zusatzvereinbarungen wurden abgeschlossen, die Erdgeschosswohnung wurde als Nachbarschaftsladen genutzt und vieles wie Hofbegrünung, Hausreinigung, der Ausbau und die Nutzung des Dachbodens, eine Werkstatt im Hof oder ein offener Gemeinschaftskeller wurde gemeinschaftlich organisiert. 25 Jahre blieb für die A6 im Großen und Ganzen alles beim Alten, wenn auch die WGs wechselten, die politische Außenwirkung des Hauses verblasste, die GSG ab und zu nörgelte und manche BewohnerInnen die Geschichte des Hauses nur noch aus dem Kreuzberg-Museum gegenüber kennen.

Doch als 2005 die GSG ihren Wohnbestand zur Privatisierung reduzierte und die T. Akar Hausverwaltung, namentlich die Gesellschafter Tefvik Akar und Hasan Durak, das Haus erwarb, sollte sich schnellstens alles ändern. Eine der ersten „Amtshandlungen“ des neuen Vermieters Akar war es, die Tür zum Hof gewaltsam einzutreten. Selbstverständlich kamen mit dem neuen Vermieter sofort Mieterhöhungen und der Versuch, die Mietverträge ungünstiger für die MieterInnen zu gestalten. Die Nutzung vom Gemeinschaftskeller sowie der Werkstatt wurde verboten. Fahrräder und Eigentum aus dem Gemeinschaftskeller wurden ohne Zustimmung der MieterInnen entfernt und zerstört. Ein Hausmeister wurde angestellt, obwohl die Hausgemeinschaft dessen Tätigkeiten vorher selbst übernommen hatte.

Die Liste der Schikanen des Vermieters gegen die HausbewohnerInnen ist schier unendlich. Die Hofbegrünung und die Kompostanlage wurden zerstört. Der Fluchtweg (auch wichtig während Demonstrationen) über das Dach wurde gesperrt, Pflanzen im Treppenhaus verboten und schließlich auch die Nutzung des Nachbarschaftsladens untersagt. Für das Erdgeschoss verkündeten Akar und Durak früh ihre Pläne: Dort seien Gewerberäume geplant, z.B. ein Restaurant, eine Anwaltskanzlei oder ähnliches. Den ersten Kündigungsprozess wegen angeblich vertragswidriger Nutzung der Wohnung verloren sie jedoch. Seitdem klagt Hasan Durak, auf Eigenbedarf für die Wohnung des ehemaligen Nachbarschaftsladens. Wie glaubwürdig die Behauptung ist, dass ein Immobilienbesitzer mit seiner Familie in eine Erdgeschosswohnung, die wie der Rest des Hauses mit Kohleofen beheizt wird, einziehen will, wird derzeit in zweiter Instanz gerichtlich geklärt.

Von Anfang an verweigerte die Hausverwaltung den Dialog. Mehrmals versuchten die HausbewohnerInnen, sich mit den Eigentümern zu einigen. Ihnen wurde z. B. eine zusätzliche Miete für die Werkstatt vorgeschlagen, aber die Hausverwaltung stellte sich stur und schikanierte stattdessen mit massiver Postsendung (Verbot von Heizen mit Holz, Androhung von Videoüberwachung etc.).

Die Geschichte geht weiter. Neben der permanenten Schikane bis hin zu Drohungen gegen einzelne BewohnerInnen wurde im vergangenen Jahr unter dem Vorwand von Reparaturen ein Gewerberaum an der Stelle des Fahrradraums gebaut. Seither gibt es ein Internet-Café im Haus, das Tag und Nacht geöffnet hat. Die Kohle, die bisher im Hof untergestellt war, musste deshalb in den Keller, doch die Vermieter wollten keinen Lagerplatz zu Verfügung stellen.

Während die T. Akar Hausverwaltung ihre Arbeitszeit dafür aufwendet, ihre MieterInnen am störungsfreien Wohnen zu hindern, müssen diese ihre Freizeit dafür aufwenden, um u.a. zum Anwalt zu gehen und seine Angriffe abzuwehren. Mietparteien bekommen weiterhin unzulässige Mieterhöhungen, werden permanent abgemahnt, und wenn Mängel gemeldet werden, werden diese auf eine Art und Weise behoben, die einem/einer den Geschmack daran nehmen soll. So werden beispielsweise reparaturbedürftige Kachelöfen durch gebrauchte Allesbrenner ersetzt.

Bis heute haben die MieterInnen stetig an Wohnqualität verloren und ohne den Nachbarschaftsladen leisten sie keinen Beitrag mehr zu den kulturellen, politischen Diskussionen im Kiez. Was wird an die Stelle kommen? Eine weitere edle Bar? Ein Designerladen? Oder noch ein zweites Internet-Café?

Im Juni 2010 liegt die Besetzung der Adalbertstr. 6 dreißig Jahre zurück. Auch wenn einige MieterInnen das Haus verlassen haben: Noch haben sich die meisten nicht verdrängen lassen. Dies u.a. dank der Unterstützung der Mieterberatungsstellen. Wie lange noch? Was plant die T. Akar-Hausverwaltung als Nächstes? Die in Neukölln in der Ringbahnstr. 28 ansässige Immobiliengesellschaft besitzt noch weitere Häuser in der Adalbertstraße, in Kreuzberg und in anderen Stadtbezirken. Wichtig wäre der Informationsaustausch zwischen den BewohnerInnen der Häusern der Akar-Hausverwaltung, denn die MieterInnen der Adalbertstr. 6 sind wahrscheinlich nicht die Einzigen, deren Wohngrundlage bedroht wird.

Kontakt: adalbertstrasse6(ät)googlemail.com


2 Antworten auf „Eine kurze Geschichte der Verdrängung aus den Innenbezirken. Die Adalbert 6 in Kreuzberg.“


  1. 1 SOR 36 07. Oktober 2011 um 0:09 Uhr

    Ist schon sehr krass sowas lesen zu müssen denn dieser Ort(A6Haus) war scon seit je her eine Begegnungsstätte der linksalternativen Szene…
    Es scheint dieser Flair ist verflogen und wenigstens mein Graffiti an der Brandwand hat die Zeit überdauert
    lg SOR36

  1. 1 stadtnachrichten donnerstag 18 märz « from town to town Pingback am 18. März 2010 um 10:08 Uhr
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