Verdrängung par excellance: Stuyvesant-Town/NYC

Was passieren kann, wenn eine Sozialwohnungssiedlung privatisiert wird, wissen viele Berliner Mieter_innen nur zu gut. Wie es dabei ganz dick kommen kann, haben allerdings die Bewohner der Stuyvesant Town in Manhattan, New York City, erleben dürfen.

Vor vier Jahren war der ganze backsteinerne Stadtteil mit 11.000 Wohnungen und rund 25.000 Einwohnern für 5,4 Milliarden US-Dollar an ein Investorenkonsortium verkauft worden. Wichtige Akteure hierbei waren das Immobilienunternehmen Tishman Speyer und das Finanzunternehmen Blackrock. Blackrock gehört hauptsächlich der Investmentbank Merril Lynch und betreibt auch die „Merrill Lynch International Investment Funds“, die sich zur Zeit rund um den Berliner Hauptbahnhof und die Lehrter Straße in großem Stil einkaufen – aber das ist eine andere Geschichte, die etwas kompliziert ist und hoffentlich auch bald noch erzählt werden wird.

In Manhattan jedenfalls sollte Stuyvesant Town zu einem neuen Viertel der Reichen umgebaut werden – diese scheint es in New York nahezu wie Sand am Meer zu geben, und sie drängen seit Jahren weiter und weiter in Stadtteile vor, die bis dahin vor allem von Leuten mit knapperen Einkommen bewohnt waren: Harlem und Brooklyn sind nur zwei Beispiele dafür, wie die Spur der Gentrifizierung sich durch die Stadt frisst und tausende von Betroffenen aus ihren innenstadtnahen Wohnlagen vertreibt. Gerade der Verlust einer Wohnung in Stuyvesant Town dürfte nämlich für viele Mieter bedeuten, zwangsweise aus dem innenstadtnahen New York wegzuziehen:

Bisher zahlen die Mieter in den beiden Siedlungen oft nur die Hälfte des üblichen Marktpreises. Alvin Doyle, Vorsitzender der Mietervertretung, berichtete der Nachrichtenagentur ap, seine Zwei-Zimmer-Wohnung koste ihn bisher eine Monatsmiete von „nur“ 1200 Dollar. Für ein vergleichbar großes Apartment müsse man anderswo in Manhattan oft 5000 Dollar monatlich zahlen. (Manager Magazin 19.10.06: Stadtviertel für 5,4 Milliarden Dollar verkauft)

Im Tagesspiegel wurde kürzlich recht bildhaft beschrieben, wie sich die Aufwertung für die Mieter_innen in Stuyvesant Town anfühlt. Und wer den Prozess der Gentrifizierung bereits erlebt habt, wird in vielen Details zustimmen können, vor allem aber bei dem Gefühl, offenbar nicht mehr dorthin zu gehören, wo mensch jahrzehntelang gelebt hat.

Wohnungen, aus denen langjährige Bewohner auszogen, wurden in Luxusapartments verwandelt, überall, wo es auch nur die geringste Unregelmäßigkeit gab, verklagte die Versicherung die Mieter auf Räumung. Mit dem Kauf durch Tishman Speyer 2006 beschleunigte sich dieser Verdrängungsprozess dramatisch. Der mit riesigen Mengen von Fremdkapital finanzierte Deal würde sich nur rentieren, wenn so viele Mieten wie möglich so schnell wie möglich auf Marktniveau angehoben werden konnten. „Es war ein regelrechter Krieg gegen die Mieter“, sagt Soni Fink. „Sie haben jeden Vorwand ausgenutzt, um die Leute vor Gericht zu zerren.“ Der Charakter der Anlage begann sich rapide zu verändern. „Es zogen immer mehr Bankiers und Anwälte ein oder Studenten, die sich Wohnungen zu viert teilten“, erinnert sich Soni Fink. Warum plötzlich Reiche in diese Sozialwohnungen ziehen wollten, ist ein bisschen rätselhaft. Die Alteingesessenen empfanden es als Bedrohung. „Man kannte plötzlich niemanden mehr.“ Gemeinschaften lösten sich auf, Stuyvesant Town wurde anonym. Menschen wie Soni Fink begannen sich in ihrem eigenen Heim fremd zu fühlen.(Tagesspiegel 15.3.10: Die Kluft der großen weiten Welt)

Allerdings waren die Mieter auch nicht ganz unbeteiligt am finanziellen Debakel von Tishman Speyer – sie wehrten sich nämlich gegen die Zumutungen, horrende Mieterhöhungen und gegen die Verdrängung:

Als im Herbst 2008 die Mietervereinigung eine Klage gegen Tishman wegen unrechtmäßiger Deregulierung gewann, begann sich jedoch der Wind zu drehen. Tishman bekam Liquiditätsprobleme, es wurde immer schwieriger, die mehr als vier Milliarden Dollar an Krediten abzubezahlen. Schließlich musste der Investor aufgeben.
Soni Fink, die gerne den Rest ihrer Tage in jener Wohnung verbringen würde, in der sie ihre Kinder großgezogen hat, kann jetzt wieder aufatmen. So lange, bis die Zwangsvollstreckung gegen Tishman abgewickelt ist, bleiben die Mieten stabil.

Im Januar gab Tishmn Speyer das Stadtviertel an seine Gläubiger ab, um einen Konkurs zu vermeiden. Laut Tagesspiegel überlege die Mietervereinigung nun, das Viertel selbst zu übernehmen.


2 Antworten auf „Verdrängung par excellance: Stuyvesant-Town/NYC“


  1. 1 aby 05. April 2010 um 19:02 Uhr

    GEIL. Reiche raus!

  1. 1 stadtnachrichten dienstag 30 märz « from town to town Pingback am 30. März 2010 um 6:29 Uhr
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