Zum Tod von Dieter Bernhardt

Bei der „Recht auf Stadt“-Parade am vergangenen Samstag, die vom Hermannplatz zum Zaun des Tempelhofer Flugfelds führte, wollte Dieter Bernhardt einen Redebeitrag zur teilweise dramatischen Situation der Mieter_innen im Sozialen Wohnungsbau halten. Er wollte ebenso den Demoteilnehmer_innen von der von ihm mitgegründeten Initiative „Sozialmieter.de“ berichten. Wir warteten vergeblich auf Dieter, und erfuhren tags darauf, warum:

Dieter Bernhardt nahm sich in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai in seiner Wohnung in der Akazienstraße 6 in Schöneberg das Leben. In einem Abschiedsbrief begründete er dies damit, dass er es nicht mehr ausgehalten habe, mit welcher Gefühlskälte und Gleichgültigkeit der Berliner Senat auf die existentiellen Sorgen der von horrenden Mieterhöhungen betroffenen Mieter_innen reagiert habe.

Ob er nun stärker von Verzweiflung und ohnmächtiger Wut getrieben war oder ob er vor allem bewusst ein Zeichen setzen wollte, werden wir nicht mehr klären können. Wir sehen es als unsere Aufgabe, weiterhin und um so mehr gegen eine sozial ungerechte Politik (und Immobilienwirtschaft) zu kämpfen, die dabei rücksichts- und skrupellos Menschen an den gesellschaftlichen Rand und an den Rand ihrer Kräfte treibt, um die profitable Ausbeutung des städtischen Raums voran zu treiben.

Ein alter Spruch besagt: Wandelt Wut und Trauer in Widerstand! Wir sagen: Und vor allem müssen wir aufeinander aufpassen, damit keine_r von uns mit herben Enttäuschungen, Ohnmacht und nach innen gekehrter Wut alleine gelassen wird, damit wir aufeinander acht geben und die scheinbar ausweglosen Situationen der jeweils anderen auffangen können. Wir legen keinen Wert darauf, Märtyrer_innen in der Bewegung zu produzieren, auch wenn die hauptsächliche Verantwortung für traurige Ereignisse wie dieses bei jenen in Politik und Wirtschaft liegt, die den enormen Druck auf Betroffene erzeugen, die sie in scheinbar ausweglose Enge treiben.

Und all jenen, die nicht mehr weiter wissen, möchten wir sagen: Es gibt immer einen Weg, wir müssen ihn aber zusammen suchen und gehen – bleib nicht allein dabei, suche dir Unterstützung, vertraue dich deinen Genoss_innen/Kolleg_innen/Freund_innen/Nachbar_innen an! Bewegung ist zum gemeinsam kämpfen da, nicht dafür, dass einzelne sich aufopfern.

Mittlerweile gibt es eine große Zahl von Berichten, teilweise auch sehr persönlicher Art, zu Dieter Bernhardts Tod. Auf ein paar davon möchten wir hier hinweisen:

Der Artikel im Berliner Kurier beleuchtet unter anderem kleine Hinweise auf Dieters Tendenz, sich das Leben nehmen zu wollen, deren Bedeutung aber erst im Nachhinein klar wurde. Vielleicht können wir lernen, etwas wacher für solche Anzeichen zu werden. Bei Radio Utopie berichtet der Autor von seiner gemeinsamen Zeit und gemeinsamen, sehr herben Erfahrungen bei der Berliner WASG. Unter den Kommentaren zum Indymedia-Artikel finden sich nicht nur Hinweise und Links zu den zahlreichen weiteren Presseberichten zu Dieters Tod, der Artikel selbst geht auch der Frage nach, wer nun eigentlich die Vermieter der Wohnhäuser Akazienstr. 6 / Belziger Str. 13 sind, die die dortigen Mieter_innen per drastischer Mieterhöhung so enorm unter Druck setzen.


6 Antworten auf „Zum Tod von Dieter Bernhardt“


  1. 1 Bürgerinitiative Barbarossastr.59 22. Mai 2010 um 15:31 Uhr

    Dieter Bernhardt, Schöneberger Mieteraktivist und treuer Unterstützer der Bürgerinitiative Barbarossastr.59, hat heute Geburtstag. Doch anstatt zu feiern, müssen wit trauern. Denn Dieter wurde in den Tod getrieben. Er war ein bewundernswerter Kämpfer für soziale Gerechtigkeit!

  2. 2 Lucile Greco 28. Mai 2010 um 16:16 Uhr

    Dieter Bernhardt ist gegangen, er wollte ein Zeichen setzen, für Die die sich nicht trauen und und Die unter Schockstarre stehen.
    Eine Berliner Innenstadt nur für die Reichen???
    wie Trostlos!!-
    der Charme einer Stadt besteht aus der sozialen und kulturellen Durchmischeung.
    Da wo Reiche mit Arme und Schwule und Lesben und Künstler und Alte und Junge Menschen zusammen leben Macht das Leben einen Sinn.
    Haben wir nicht alle aus den Ghettos gelernt?
    Kommt alle zu seiner Beerdigung – zeigt den Politikern das man so nicht mit den Menschen umgehen kann.

  3. 3 Lucile Greco 29. Mai 2010 um 8:49 Uhr

    Dieter Berhardt ist gegangen um ein Zeichen zu setzen.
    Für Die die zu ängstlich sind oder sich in einer art Schockstarre befinden. Es kann doch nicht sein, dass die Politiker Menschen, die nicht nicht genug verdienen an den Stadtrand zwingen.
    Wo sind denn all die Jobs wo man genug verdient um diese Mieten zu bezahlen- In Indien – China ???
    Dieter Bernhardt hatte seine Wurzeln in der Akazienstr! Dort sollte er nun ausziehen weil er die erhöhte miete nicht mehr zahlen kann.
    Diese Häuser wurden einst mit Steuermitteln gebaut!
    Viel zu teuer gebaut, wer schaut ihnen denn „in die Karten“
    Nun, durch Insolvenz günstig erstanden wittern die neuen Besitzer großen Profit.
    Eine Innenstadt nur für Reiche???
    Nur wenn ein Bezirk gut sozial und auch kulturell durchmischt ist haben alle eine Chance.
    Da wo Schwule und Lesben und Alte und Junge und Künstler und Reiche und Arme zusammenleben können, behält die Stadt ihren Charme und Attraktivität.

  4. 4 trudelfisch 01. Juni 2010 um 7:01 Uhr

    Auf Sozialmieter.de heißt es:

    Die Beisetzung von Dieter Bernhardt findet nicht vor Mitte Juni statt. So bald der genaue Termin feststeht, werden wir diesen hier bekannt geben.

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  2. 2 Neues vom Glöckner » Lars I., der Retter Pingback am 11. Juni 2010 um 21:19 Uhr
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