Recht auf Stadt vorm Maschendraht

Letzten Samstag gab es den großen Eröffnungstag des Tempelhofer (Flug-)Felds, unter dem mehr als scheinheiligen Motto „Bewegungsfreiheit“. Wie treffend der Berliner Senat dieses Motto gewählt hatte, konnten all jene erleben, die dann nachmittags von Neukölln oder vom Columbiadamm aus aufs Feld wollten: Es ging meistens gar nicht, oder besser gesagt: Es wurde ihnen von uniformierten Kräften verwehrt.

Später, gegen Abend, gab es dann auch mal Gesichtskontrollen: Wer brav genug aussah, wurde durchgelassen, wer den Sicherheinzen suspekt erschien, hatte Pech und durfte wieder nach Hause gehen. Begründet wurde das dann ganz offen: Es sei nun mal kein öffentlicher Park, sondern es herrsche dort das Hausrecht der Grün Berlin GmbH, und die dürfe sich ihre Besucher_innen nach Belieben herauspicken. Durften wir also mal wieder eine der vielen schillernden Fassetten des Phänomens Privatisierung erleben: Eine riesige Fläche, im öffentlichen Besitz, offiziell zum „Park“ ausgerufen, in der Verwaltung eines öffentlichen Betriebes, doch der Betrieb ist eine privatwirtschaftliche GmbH, und rundherum um die Wiese ein lückenloser Zaun.

Aber der Tag ging ja viel früher los: Zunächst war Wowereit, unser aller Wohlfühlbürgermeister, bei der Eröffnungsrede ausgepfiffen worden. Oh, da war die Lokalpresse aber sauer, das geht ja nicht, also auspfeiffen: böse, böse! Dann wurde jede_r, die/der mehr auf der Wiese vor hatte als herumzufläzen und Würstchen zu konsumieren, vielleicht eigene Ideen (ungenehmigterweise) mitgebracht hatte, des Feldes verwiesen. Rote Karte, raus. Und dann immer diese kilometerlangen Wege zum nächsten Tor…!

Derweil ging die Recht auf Stadt!-Parade am Hermannplatz los, zunächst noch mit etwa 500 Teilnehmer_innen, aber dann bald auf etwa 1000 anwachsend. Die Parade war von Avanti! und von Steigende Mieten stoppen! organisiert worden. Wir vermissten den angekündigten Redner des Bündnisses Sozialmieter.de, Dieter Bernhardt, und erfuhren erst Tags darauf den traurigen Grund dafür.

Nachdem auf der Karl-Marx-Straße schon ein großes Fassadenbanner aufgetaucht war, das die Enteignung des Wohnungsunternehmens Stadt und Land forderte, gab es dann, die Zentrale des Unternehmens in der Werbellinstraße passierend, eine Rede von Steigende Mieten stoppen! dazu.

Der größte Verdienst der Parade schien aber darin zu bestehen, die rigide und quasi-private Verfassung des Tempelhofer Parks vor Augen zu führen. Als die Parade nämlich im Schillerkiez in die Nähe des Zaunes kam, wurde sie von der Polizei gestoppt, und auch diejenigen, die sich durch die Nebenstraßen einen Weg suchen, versuchte man, möglichst effektiv vom Flughafengelände fern zu halten. Dass dafür nahezu alle Tore des Parks geschlossen wurden, dass daher nicht nur die Demonstrant_innen, sondern viele andere Besucher_innen davon abgehalten wurden, den Park zu betreten (oder auch wieder zu verlassen), schien der kontrollsüchtigen Obrigkeit nichts auszumachen. All jene, die dies aber unvermittelt zu spüren bekamen, erlebten am eigenen Leib, was einen öffentlichen Park von einem privaten unterscheidet.

Allerlei Fotos von der Recht auf Stadt-Parade und den Aktivitäten zur „Eröffnung“ des Tempelhofer Felds:
Mikael Zellmann auf Flickr
PM_Cheung auf Flickr
Björn Kietzmann auf Flickr
Umbruch Bildarchiv auf sich selbst


1 Antwort auf „Recht auf Stadt vorm Maschendraht“


  1. 1 stadtnachrichten montag 17 mai « from town to town Pingback am 17. Mai 2010 um 15:12 Uhr
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