Archiv für August 2010

Schuldfragen in Neukölln

Eines der großen Dilemmata der Gentrifizierung ist das zähneknirschende Gewissensbisse-Schieben unter irgendwie kreativen Neuzuziehenden in einem Kiez, in dem eine Aufwertung gerade erst entsteht. Sind die Pioniere schuld an dem ganzen Prozess, da sie das Viertel erst attraktiv machen für Leute mit mehr Geld? Und dann wird ellenlang über die Schuldfrage gebrütet oder diskutiert, statt einfach mal aktiv zu werden und simpelste Dinge zu tun, z.B. Kontakte mit den nicht-so-kreativen Nachbar_innen aufzubauen, sich solidarisch auf der ganz praktischen Ebene zu zeigen und zu überlegen, wie denn nun Protest & Widerstand gegen die kommerzielle Ausbeutung des Kiezes beginnen könnte.

Aber vielleicht hilft ja dies hier:

Wild-West-Stimmung am Wasserturmplatz

Es ging hier und da und dort durch die Presse: Am Wasserturm im Prenzlauer Berg sollen bereits modernisierte Wohnhäuser aus den 60er Jahren abgerissen werden, um neuen Luxuswohnbauten Platz zu machen. Der Immobilienentwickler Econ-Cept, dem das benachbarte Schickimicki-Projekt „Palais Kolle Belle“ gehört, hat die rund 100 Wohnungen zwischen Belforter, Straßburger und Metzer Straße aufgekauft, um die Anlage grundlich umzubauen und zu verdichten. Zwei Aufgänge mit 20 Wohnungen an der Straßburger Straße sollen abgerissen werden, die Mieter_innen sollen dafür da weg, damit entlang der Straße ein neuer Gebäuderiegel errichtet werden kann. Die übrigen Wohnhäuser sollen um zwei Stockwerke aufgestockt werden.

Doch möglicherweise haben die Immobilienleute sich verrechnet. Denn die Wohnanlage am Wasserturm ist nicht irgend eine: Sie wurde von einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft errichtet, und die werdenden Bewohner_innen legten selbst mit Hand an am Bau (mehr zur Geschichte in der Prenzlberger Stimme). So kommt es wahrscheinlich, dass sie besonders stark an ihren Wohnungen und der Anlage hängen – die meisten wohnen tatsächlich seit 50 Jahren hier und gedenken auch, ihren Lebensabend dort zu verbringen.

So haben sich die betroffenen Mieter_innen flugs zusammengeschlossen, treffen sich regelmäßig auf Mieterversammlungen und wollen gemeinsam dem wildernden Neueigentuümer die Stirn bieten. (mehr…)

Knappe Wohnungen, steigende Mieten – neue Besetzungen?

Am Samstag ist mal wieder großer Straßenfesttag in Berlin. Das Friedrichshainer Hausprojekt Jessner41 feiert den 20. Jahrestag der Besetzung, und auch wir von Steigende Mieten stoppen! wünschen uns eine Renaissance dieser praktischen Aktionsform zur Aneignung günstigen Wohnraums angesichts horrender Mieten und knapper Wohnungen.

Das neue Mieterecho (PDF 1,6 MB) nimmt nun erstmals das jahrelang außer Dienst gestellte Wort „Wohnungsnot“ wieder in den Mund bzw. in den redaktionellen Teil des Magazins. Anlass ist das schnelle Schwinden des Berliner Wohnungsleerstands, einem Götzen, dem Stadtentwicklungssenatorin weiterhin huldigt, auch wenn seine Zeit längst abgelaufen ist, angesichts des Missverhältnisses zwischen rasant steigender Zahl der Haushalte in Berlin und der wenigen Neubauten in der Stadt.

Wir erinnern uns: Auf der Megaspree-Parade rief uns ein Transparent zu: „Mit den Mieten steigt auch unsere Wut“. Im Neuköllner Schillerkiez gibt es wegen der befürchteten und bereits zu beobachtenden Aufwertungsprozessen bereits seit einer Weile eine regelmäßig einberufene Stadtteilversammlung. Zum Weisestraßenfest am Samstag soll nun einen Veranstaltung zum Thema steigender Mieten stattfinden, und zwar um 18 Uhr im Stadtteilladen Lunte (Weisestr. 53).

Zuvor gibt es um 16 Uhr eine Veranstaltung mit den Initiativen „Zusammen gegen das Jobcenter Neukölln“, „Kampagne gegen Zwangsumzüge“ und der AG Beschäftigungsindustrie.

Fundstück: Absehbare Voraussagen

Hier der Fundort, der Taz vom 21.8.1999 – und hier geht’s direkt zur querbeet umgerührten Tom-Touché-Shuffle-Galerie.