Wild-West-Stimmung am Wasserturmplatz

Es ging hier und da und dort durch die Presse: Am Wasserturm im Prenzlauer Berg sollen bereits modernisierte Wohnhäuser aus den 60er Jahren abgerissen werden, um neuen Luxuswohnbauten Platz zu machen. Der Immobilienentwickler Econ-Cept, dem das benachbarte Schickimicki-Projekt „Palais Kolle Belle“ gehört, hat die rund 100 Wohnungen zwischen Belforter, Straßburger und Metzer Straße aufgekauft, um die Anlage grundlich umzubauen und zu verdichten. Zwei Aufgänge mit 20 Wohnungen an der Straßburger Straße sollen abgerissen werden, die Mieter_innen sollen dafür da weg, damit entlang der Straße ein neuer Gebäuderiegel errichtet werden kann. Die übrigen Wohnhäuser sollen um zwei Stockwerke aufgestockt werden.

Doch möglicherweise haben die Immobilienleute sich verrechnet. Denn die Wohnanlage am Wasserturm ist nicht irgend eine: Sie wurde von einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft errichtet, und die werdenden Bewohner_innen legten selbst mit Hand an am Bau (mehr zur Geschichte in der Prenzlberger Stimme). So kommt es wahrscheinlich, dass sie besonders stark an ihren Wohnungen und der Anlage hängen – die meisten wohnen tatsächlich seit 50 Jahren hier und gedenken auch, ihren Lebensabend dort zu verbringen.

So haben sich die betroffenen Mieter_innen flugs zusammengeschlossen, treffen sich regelmäßig auf Mieterversammlungen und wollen gemeinsam dem wildernden Neueigentuümer die Stirn bieten. Der versucht mittlerweile, einzelne Mieter aus der Wohnanlage herauszukaufen, um Platz zuschaffen für die Umsetzung der Mieter aus den abrissbedrohten Aufgängen: 10.000 Euro sollen angeblich denjenigen winken, die „freiwillig“ das Feld räumen – so berichtet nun sogar die Bild-Zeitung. Das klingt erstmal nach viel Geld, doch wenn mensch beachtet, dass vergleichbare Mietwohnungen im Kiez monatlich sicherlich 300 Euro mehr kosten dürften als in der früheren Genossenschaftssiedlung, dann dürfte das kleine Polster schon nach zwei, drei Jahren aufgebraucht sein.

Vielleicht geht es hier sogar noch um viel mehr: Nicht nur darum, dass jahrzehntelange Mieter_innen (moralisch gesehen) ein Recht darauf haben, ihre Wohnungen zu behalten, und dass die renitenten Betroffenen hier vielleicht ein weiteres massives Aufwertungsprojekt im Kiez zu Fall bringen könnten. Sondern auch, dass hier etwas bisher einzigartiges vorgemacht werden soll: Die sogenannte dritte Welle der Gentrifizierung: Nach mietpreistreibenden Modernisierungen folgten die Luxuswohnprojekte, doch nun sollen sogar bereits modernisierte, aber noch günstige Wohnungen abgerissen werden, um teureren Platz zu machen. Das hat eine neue Qualität, und hier müssen wir alle zusammenhalten, um dies aufzuhalten!


3 Antworten auf „Wild-West-Stimmung am Wasserturmplatz“


  1. 1 Nachbar 23. August 2010 um 16:50 Uhr

    Hier gibt es kleine Luftbild- und Kartenausschnitte, um einen Eindruck von der Wohnanlage zu bekommen:
    http://de.indymedia.org/2010/07/285336.shtml

  2. 2 Felix 24. August 2010 um 14:02 Uhr

    Ich finde es gut und richtig, dass sich die Mieter zusammenschließen und versuchen da gegen vorzugehen!!
    Ich kann diese Art des dreisten Rauswurfes nicht verstehen, die da einige Immobilienleute an den Tag legen!

  3. 3 Peter Brenn Frakt.Vors.Bü90Grüne BVV 25. August 2010 um 16:39 Uhr
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