Kritik an der Kritik der Gentrifizierung (und die Kritik an dieser wiederum)

Ungefähr so lange, wie es hierzulande eine Beschäftigung mit dem Phänomen der Aufwertung städtischer Räume und mit den damit verknüpften Folgen der steigenden Mieten und der selektiven Verdrängung von einkommensschwachen Anwohner_innen gibt, ungefähr so lange gibt es auch immer wieder die Kritik an der Kritik der Gentrifizierung. In einem ausführlichen Radiofeature widmet sich Radio Corax aus Halle diesem Thema und lässt verschiedene politische Akteure dabei zu Wort kommen.

Die Kritik der Gentrifizierungskritik kritisiert dann in der Regel, aufwertungskritische stadtpolitische Initiativen wären lediglich an der Wahrung des Bestands interessiert. Sie würden den kapitalistischen Alltag der Stadt, so auch das ganz normale Mietverhältnis zwischen Besitzenden und nicht-besitzenden Erwerbsabhängigen, nicht in Frage stellen, nur die stete Verschlimmerung des Verhältnisses bemängeln, nicht aber die Zustände selbst.

In der Tat werden stadtpolitische Initiativen meist dort aktiv, wo der Druck zunimmt. Der zunehmende Druck, z.B. steigende Mieten oder der drohende Verlust des Zuhauses (oder auch des Zuhause-Gefühls), steht dann im Mittelpunkt der politischen Arbeit, und es geht darum, der Zuspitzung der sozialen Verhältnisse entgegen zu wirken.

Sicherlich, ein radikaler Ansatz von Politik bedeutet, die Wurzeln des Übels zu benennen, nicht nur nach der Linderung zu suchen, sondern auch nach dem ganz anderen, in diesem Fall: nach einer nicht-kapitalistischen Lebensweise. Diese Suche mache aus, zu zeigen, dass das Problem über die Stadt selbst hinausgehe.

Tatsächlich stehen stadtpolitische Initiativen oft vor ganz anderen Schwierigkeiten: Sie agieren zum Beispiel in einem politischen Feld, in dem sich jahrzehntelang niemand mehr mit dem Wesen der Stadtentwicklung beschäftigt hat. Da ist es zunächst üblich, Veränderungen im eigenen Kiez nur auf den eigenen Kiez zu beziehen. Und dementsprechend nur dort die Ursachen zu suchen. So standen stadtpolitisch Interessierte in Berlin vor nur wenigen Jahren vor dem Problem, kaum vermitteln zu können, dass es sich um stadtweite Probleme handelt und nicht nur um jeweils eigene Probleme verschiedener Kieze.

Dies ist der Grund, warum Steigende Mieten stoppen! die Lösung nicht darin (allein?) sieht, den einen fiesen Investor in Kreuzberg zum Feindbild zu erklären oder die Cocktailtrinker in Friedrichshain zu erschrecken. Die Aufwertungsprozesse in der Berliner Innenstadt lassen sich längst nicht mehr aus den einzelnen Vierteln heraus erklären, sondern liegen in einer Veränderung begründet, die Berlin an sich erfasst und die politisch durchaus gesteuert wird. Aber: Diese Erkenntnis will erstmal verbreitet und diskutiert werden. Als nächstes nehmen wir uns dann gern auch vor, dabei „über die Stadt hinaus“ zu gehen…

Auf dem Weg dahin bietet der Radiobeitrag von Radio Corax und z.B. gleich zwei weitere viele gute Anregungen, weg von einer verkürzten Kapitalismuskritik und hin zu grundlegender Kritik an der politischen Ökonomie der Stadt.


1 Antwort auf „Kritik an der Kritik der Gentrifizierung (und die Kritik an dieser wiederum)“


  1. 1 stadtnachrichten montag 13 september « from town to town Pingback am 13. September 2010 um 12:38 Uhr
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