Kiezspaziergänge im flotten Dreier

Die Kiezinitiativen Karla Pappel (Kungerkiez, Alt-Treptow), Schillerkiez (Neukölln) und Reichenberger Kiez (Kreuzberg) bereiten zusammen mit Steigende Mieten stoppen! eine Reihe von Kiezveranstaltungen für die zweite Oktoberhälfte vor. Es geht dabei darum, deutlich zu machen, dass die steigenden Mieten und sozialen Ausgrenzungsprozesse in den einzelnen Kiezen keine isolierten Probleme darstellen, sondern dass es Ursachen gibt, die gemeinsam bekämpft werden sollten.

Drei Kiezspaziergänge im Oktober

Kennen Sie das? Wieder zieht ein Nachbar weg, weil die Miete steigt? Wieder setzt das Arbeitsamt eine Freundin unter Druck, weil die Wohnung zu groß sei? Wieder wird eine wilde Brache zugebaut, mit teuren Eigentumswohnungen und Lofts. Der Laden nebenan gibt endgültig auf: 300%tige Mieterhöhung… Das zukünftige Szenecafé hat den Raum schon gepachtet. Um im Kiez wohnen bleiben zu können, zahlt eine langjährige Hartz IV-Empfängerin die erhöhte Miete und spart nun beim Essen. Das Rentnerehepaar dachte, es könne im Kiez alt werden und überlegt aufs Land zu gehen – die Rente reicht einfach nicht mehr. Und so weiter und so fort…

Nein – Die Politik hat nicht versagt. Im Gegenteil. Sie ist sehr erfolgreich. Sie will und forciert den Verdrängungsprozess ärmerer Schichten durch Investoren, Yuppies, sogenannte Kreative und eine ökoliberale Mittelschicht. Die neue Regierung, egal ob rot/rot oder rot/grün, wird dies weiterführen. Ob Sie nun Rentnerin sind, oder arbeitslos, geringverdienend, alleinerziehend oder einen migrantischen Hintergrund haben – für Menschen ohne Geld ist kein Platz in den angesagten Innenstadtbezirken! Das ist die einzige Gewissheit, die für einkommensschwache Schichten besteht. Wenn nicht eine starke Gegenbewegung dies verhindert.

Darum bilden sich aktuell unabhängige Stadtteilinitiativen. Nur wir als Betroffene können unsere Interessen vertreten. Wir haben keine Lust mehr individualisiert und vereinzelt zu hoffen es träfe uns nicht. Die Initiativen und Aktionen der Stadtteilgruppen sind die Orte an denen wir uns treffen und über persönliche Unterschiede hinweg über unsere Probleme reden können. Das ist eine Voraussetzung um uns erfolgreich gegen Mieterhöhungen und Verdrängungen zu wehren. Gemeinsam. Denn darum geht es. Das rauszufinden!

Kein Kiez schafft das alleine! Wir vernetzen die ersten Stadtteilgruppen durch verschiedene Kiezspaziergänge miteinander. Kommt zu unseren Kiezspaziergängen und unterstützen wir uns in den Kiezen gegenseitig. Lernen wir die Probleme anderer Kieze kennen. Wenn wir wissen was sich in unseren und anderen Kiezen tut und einander kennen, wissen wir auch wo wir aktiv werden müssen. Recht und Gesetz erlauben den Verdrängungsprozess durch Mieterhöhungen und die damit verbundene zwischenmenschliche Zerstörung der Kieze durch Geld. Der Mietspiegel zum Beispiel ist ein Mittel zur Mieterhöhung gegen den wir mit juristischen Mitteln gar nicht ankommen. Die Parteien bedienen die Interessen der Investoren und der gehobenen Mittelschicht. Also suchen wir nach anderen Wegen.

Wenn wir Viele sind und entschlossen, wird jede Mieterhöhung zurückgewiesen und verhindert. Diese Stadt hat sehr viele Menschen mit wenig Geld. Wir müssen nur zusammenkommen um zu handeln.

Sonntag 17.10., 14 Uhr, Stadtbibliothek (Karl-Kunger/Wildenbruchstraße, Alt-Treptow)
Sonntag 24.10., 14 Uhr, Lunte (Weisestr. 53, Neukölln)
Sonntag 31.10., 14 Uhr, Ohlauer Brücke (Kreuzberg)

Unterstützt werden die Kiezspaziergänge von: Karla Pappel – Stadtteil­ini­tia­tive gegen Mieterhöhung und Verdrängung / Alt Treptow | Stadtteil­ini­tia­tive Schillerkiez | Spreepirat_innen | Reichekiez von unten – Café Reiche / Reichenbergerstraße 58 | Mieten AG Graefekiez | Reiche63a | UBI KLiZ e.V. / Mieterladen | Wagenplatz Schwarzer Kanal | Steigende Mieten stoppen!

Kopiervorlagen fürs Plakat gibt es hier und für das Flugblatt hier.


7 Antworten auf „Kiezspaziergänge im flotten Dreier“


  1. 1 Matze Schmidt 09. November 2010 um 19:56 Uhr

    „Gentrifickation“

    Verdraengung ist die phaenomenologische, also die sichtbare
    Seite des in der „Privatwirtschaft“ grundsaetzlich enteigneten
    Raums Stadt. Das Neue an der Gentrifikation ist, dass sie jetzt
    in den Teilen von Staedten realisiert wird, die bisher von der
    Illusion getragen wurden, sie seien dem privaten Eigentum und
    dessen Ausdehnung mit allen Schichtenbildungen nicht unterlegen.
    Was wie Pilze aus dem Boden zu schiessen scheint, sind aber
    nicht nur Lofts und hoehere Mieten, sondern auch und vielmehr
    die leidige Kenntnislosigkeit des Zusammenhangs von Grundrente
    und Lohn und dem, was man im englischsprachigen Raum
    treffend „Landlord“ nennt.

    http://www.t-shirtz.org/

  2. 2 trudelfisch 10. November 2010 um 14:10 Uhr

    Klar, Matze, Gentrifizierung ist die sichtbarste, auffälligste Oberfläche dessen, was wir an ökonomischen Umstrukturierungen auf dem Wohnungsmarkt erleben. Eine Oberfläche, die sich konkret räumlich spüren lässt und die daher als zusammenhängend, als gravierend wahrgenommen wird – im Gegensatz zu den vielen einzelnen (nahezu stadtweit) steigenden Mieten, die nur abstrakt in Statistiken auftauchen, aber nicht zusammenhängend spürbar, sichtbar werden. Daher der mediale (und auch bewegungsmäßige) Fokus auf dieses Phänomen. Viele übersehen dabei, dass es nur die Spitze eines riesigen Eisberges ist: Die Gesamtheit des Wohnungsmarktes ist in Bewegung geraten, und die sozialen Auswirkungen davon sind weitaus gravierender als in den paar gentrifizierten Gebieten.

    Mich würde aber interessieren, wie du den „Zusammenhang zwischen Grundrente und Lohn“ meinst. Denn zur Zeit erleben wir ja, dass ein immer höherer Anteil des Einkommens für Miete ausgegeben wird. Die Marktverknappung an Wohnraum führt dazu, dass immer höhere Mietpreise durchgesetzt werden können. Und je beliebter ein Stadtteil, um so stärker gilt dies dann dort.

    Ob allerdings der Begriff des Landlords die heutigen ökonomischen Zusammenhänge treffend beschreiben kann, da wären Zweifel angebracht. Denn wir erleben ja nicht nur Unternehmungen, die durch Erwerb von Grundeigentum langfristig Grundrente abschöpfen wollen, sondern auch jene, die dies wie kurz- und mittelfristig handelbares Finanzkapital handhaben. Und gerade von diesen „Investoren“ geht ein starker Impuls in der baulich-ökonomischen Aufwertung von Stadtteilen aus.

  3. 3 Matze Schmidt 27. Oktober 2011 um 21:44 Uhr

    Grundrente und Lohn … Die Grundrente ensteht aufgrund von geschichtlich lang herruehrender, also im wahrsten Sinn des Wortes herkoemmlicher Aneignung von Boden. Der Landlord als Einzelwesen unterschdeidet sich nicht wesentlich vom Konzern, der vermietet, also Gewinn macht auf Basis seines Bodeneigentums plus der angeeigneten Arbeit im Hausbau. Er gehoert einer anderen Klasse an und beutet aus: Konsum und Arbeit. Von Investoren geht gar kein ominoeser „Impuls“ bezueglich der baulich-oekonomischen „Aufwertung“ von Stadtteilen aus, sie kaufen einfach und vermieten zu hoeherem Preis. Sie kaufen und erhoehen den Wert ihrer Ware im Hinblick den zu erwartenden Gewinn. Aufwertung ist ihnen fremd, sie kennen nur den Preis. Wer von Entwertung der Ware und Wert spricht ist da schon naeher dran am Mechanismus. Die Aufwertung ist nur der Effekt nach dem was wir als Modernisierung kennen, der den sog. Mietpreispiegel, also den allgemeinen Marktpreis der Ware Wohnung in einem Bezirk insgesamt steigen laesst. Nur darum gehts, den Marktpreis also fuer den Kauf der Ware, den Verkauf der Ware und die Miete spiralig zu erhoehen. Die Ware Wohnung ist also eine, die erneuert werden kann. Jeder wird aber guenstig kaufen wollen und teurer weiterverkaufen wollen. Wenn man billig viel verkaufen kann ist das auch eine Basis fuer zu erwartendne Gewinn. Der Senat musste billig die GSW verkaufen fuer einen kleinen Gewinn, gemessen am Gewinn der GSW heute.

    Wer mehr Lohn erhaelt, kann sich diesen Miet-Preis dann leisten und umgekehrt, wer weniger Lohn hat eben nicht. Bisher (bis 1990 und in Schritten bis in die Nuller Jahre) schien das Lohnniveau in Berlin niedrig gewesen zu sein. Das hielt auch den Mietpreis niedrig — die Nachfrage war so strukturiert, das Angebot entsprechend. Das ist nun anders. Deshalb sind soziale Schichtenkaempfe zu erwarten.

    Jeder Landlord, ob Firma oder Einzelarschloch, wird mit seinem Geld kaufen, also Finanzkapital handhaben. Dass das nun im grossen Stil und auf Basis von Gesellschaften (AGs) geschieht, also offenbar ueberschuessiges Kapital hier in Berlin angelegt werden kann und muss (Absicherung des Kapitals), ist Normalitaet des Kapitals.

    Die Knappheit der Ware Wohnung treibt die Preise (Kauf und Mietpreise) mit an — die Stadt erwacht von ihrem Dornroeschenschlaf, alles sei sozial und demokratisch geregelt.

  4. 4 Matze Schmidt 27. Oktober 2011 um 22:16 Uhr

    Aber genaugenommen sind meine Ausfuehrungen (sofern hier per Moderation abgesegnet und sichtbar) wirr. Besser siehe hier:

    Zum Begriff der Grundrente
    http://www.trend.infopartisan.net/trd0510/t060510.html

    Siehe dort:

    „Die Grundrente, die er [der Haus- und Grundbesitzer] bezieht, ergibt sich aus der Differenz zwischen seinen Kosten (Kost­preis – zu dem der Bodenpreis nicht gezählt wird) plus dem Durch­schnittsprofit auf sein im Haus angelegtes Kapital (das ergibt seinen »Produktionspreis«) einerseits, dem Marktpreis der Wohnungen etc. anderer­seits – sie heißt Differentialrente. […] In kapitalisierter Form ist diese Grundrente der Boden­preis, welcher keineswegs Kapital ist, da Boden keinen Wert hat, sondern die Geldsumme, die für den Bezug einer Grundrente zu entrichten ist. Die Differentialrente ist ein Überschuß über den Durchschnittsprofit – sie ist ein Extraprofit (Extraprofite können freilich nicht nur aus Differentialrenten, sondern auch aus Monopolprofiten, Spekulationsgewinnen, kurz: aus jedem Überschuß über den Durchschnittsprofit bestehen).“

    … schwierig.

    Ebendort einfacher:

    „Die Geschichte des Kapitalismus ist begleitet von einer permanenten Woh­nungsnot, die auch heute keineswegs beseitigt ist. Der Effekt dieser Woh­nungsnot ist ständige Übernachfrage. Die Ausbeutung der Wohnungsnot ermöglicht den Besitzern ständig starke Erhöhungen der Mieten – dadurch können sie Extraprofite einstreichen, Spekulationsgewinne, die weder mit Lagevorteilen noch mit der Bebauungsintensität etwas zu tun haben: sie sind lediglich der Monopolstellung der Grund- und Hausbesitzer als Klas­se geschuldet. Zur Grundbesitzerklasse zählen nur die, deren Haupteinnahmequelle Grundrenten- und Spekulationsgewinne bilden. Sie unterscheiden sich insofern von Kapitalisten wie Lohnarbeitern und haben als Grundbesitzer besondere Interessen.“

    Siehe auch hier:

    Grundrente
    http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_497.htm

    Miete wird dem Lohn (oder der Stuetze) abgezogen, grundsaetzlich.

    Auch z.T. gut hier:

    Grundrente
    http://kulturkritik.net/begriffe/begr_txt.php?lex=grundrente

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