Archiv für Oktober 2010

Der Heilige St. Gentrifizian


Sankt Gentrifizian ist der Patron der Hausbesetzer, Demonstranten und Vermummten, der Graffitisprüher, der Stadtsoziologen, aber auch der Fahrradfahrer und Fußgänger. Er wird als Kiezheiliger angerufen, um meist ärmere Stadtteile vor allzu großer Veränderung im Zuge sogenannter Aufwertung zu bewahren und die Sanierung oder den Abriss von Häusern und die Verdrängung der Bewohner des Bezirks durch zahlungskräftigeres Publikum zu verhindern.

Was sich zunächst als ungewöhnliche, aber doch recht allgemeine Beschreibung des Phänomens Gentrifizierung anhört, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als augenzwinkernd pointierte Zugespitzung der gesamten Debatte rund um steigende Mieten, Verdrängung aus dem Zuhause und die Legitimität des Widerstands dagegen.

St. Gentrifizian gilt als der erste 1. Mai Märtyrer und immer mehr heranwachsenden Großstädtern als Vorbild. Das Umwerfen und/oder Anzünden von Autos hat sich zu einer beliebten Ausdrucksform von tiefer Frömmigkeit entwickelt, und die Staatsmacht versucht bislang vergeblich diesen Brauch zu unterbinden.

Stimmt, denn auch wenn die Ausübung des Brauchs in seiner ersten Hochburg, Berlin, in diesem Jahr doch ziemlich abgeflaut ist, so ist die Begeisterung für aktive St.-Gentrifizian-Verehrung in Hamburg anscheinend ungebrochen.

Da aber gerade auch die zugezogenen Anhänger des St. Gentrifizian immer wieder mal Besuch von der Familie bekommen, und diese irgendwo ihren Wagen parken müssen, ergibt sich bei den Gläubigen ein immenser Interessenkonflikt. Dieser spiegelt sich anschaulich im folgenden Gebetsspruch wider:
“Oh Heiliger Gentrifizian, verschon unser Auto, zünd‘ andere an!”

Der Heilige St. Gentrifizian steht jedoch nicht alleine da, er wird von weiteren neun modernen Heiligen begleitet, darunter Santa Pharma, Sant_a Diversita, St. Spekulatius und Santa Therma. Sie alle sind Teil des Projekts St. Nimmerlein, die Diplomarbeit des per Streetart bekannt gewordenen Berliner Künstlers Gould.

Dank an Andrej Holm für den Hinweis auf das Projekt St. Nimmerlein

3x Kiez, 3x Spaziergang, 3x Info

Hier gibt’s die wichtigsten Infos zu den drei Kiezspaziergängen gegen steigende Mieten im Überblick, die im Oktober in drei verschiedenen betroffenen Kiezen stattfinden. Zum Aufruf geht es hier lang, dort findet ihr die Kopiervorlage für die Flugblätter und hier die Vorlage für die Plakate.

1. Kungerkiez:
Sonntag, 17. Oktober 14:00 Uhr
ab Karl-Kunger- / Wildenbruchstraße

2. Schillerkiez:
Sonntag, 24. Oktober 14:00 Uhr
ab Lunte (Weisetraße 53)

3. Reichenberger Kiez:
Sonntag, 31. Oktober 14:00 Uhr
ab Ohlauer Brücke

Kiezspaziergänge im flotten Dreier

Die Kiezinitiativen Karla Pappel (Kungerkiez, Alt-Treptow), Schillerkiez (Neukölln) und Reichenberger Kiez (Kreuzberg) bereiten zusammen mit Steigende Mieten stoppen! eine Reihe von Kiezveranstaltungen für die zweite Oktoberhälfte vor. Es geht dabei darum, deutlich zu machen, dass die steigenden Mieten und sozialen Ausgrenzungsprozesse in den einzelnen Kiezen keine isolierten Probleme darstellen, sondern dass es Ursachen gibt, die gemeinsam bekämpft werden sollten.

Drei Kiezspaziergänge im Oktober

Kennen Sie das? Wieder zieht ein Nachbar weg, weil die Miete steigt? Wieder setzt das Arbeitsamt eine Freundin unter Druck, weil die Wohnung zu groß sei? Wieder wird eine wilde Brache zugebaut, mit teuren Eigentumswohnungen und Lofts. Der Laden nebenan gibt endgültig auf: 300%tige Mieterhöhung… Das zukünftige Szenecafé hat den Raum schon gepachtet. Um im Kiez wohnen bleiben zu können, zahlt eine langjährige Hartz IV-Empfängerin die erhöhte Miete und spart nun beim Essen. Das Rentnerehepaar dachte, es könne im Kiez alt werden und überlegt aufs Land zu gehen – die Rente reicht einfach nicht mehr. Und so weiter und so fort…

Nein – Die Politik hat nicht versagt. Im Gegenteil. Sie ist sehr erfolgreich. Sie will und forciert den Verdrängungsprozess ärmerer Schichten durch Investoren, Yuppies, sogenannte Kreative und eine ökoliberale Mittelschicht. Die neue Regierung, egal ob rot/rot oder rot/grün, wird dies weiterführen. Ob Sie nun Rentnerin sind, oder arbeitslos, geringverdienend, alleinerziehend oder einen migrantischen Hintergrund haben – für Menschen ohne Geld ist kein Platz in den angesagten Innenstadtbezirken! Das ist die einzige Gewissheit, die für einkommensschwache Schichten besteht. Wenn nicht eine starke Gegenbewegung dies verhindert.

Darum bilden sich aktuell unabhängige Stadtteilinitiativen. Nur wir als Betroffene können unsere Interessen vertreten. Wir haben keine Lust mehr individualisiert und vereinzelt zu hoffen es träfe uns nicht. Die Initiativen und Aktionen der Stadtteilgruppen sind die Orte an denen wir uns treffen und über persönliche Unterschiede hinweg über unsere Probleme reden können. Das ist eine Voraussetzung um uns erfolgreich gegen Mieterhöhungen und Verdrängungen zu wehren. Gemeinsam. Denn darum geht es. Das rauszufinden!

Kein Kiez schafft das alleine! Wir vernetzen die ersten Stadtteilgruppen durch verschiedene Kiezspaziergänge miteinander. Kommt zu unseren Kiezspaziergängen und unterstützen wir uns in den Kiezen gegenseitig. Lernen wir die Probleme anderer Kieze kennen. Wenn wir wissen was sich in unseren und anderen Kiezen tut und einander kennen, wissen wir auch wo wir aktiv werden müssen. Recht und Gesetz erlauben den Verdrängungsprozess durch Mieterhöhungen und die damit verbundene zwischenmenschliche Zerstörung der Kieze durch Geld. Der Mietspiegel zum Beispiel ist ein Mittel zur Mieterhöhung gegen den wir mit juristischen Mitteln gar nicht ankommen. Die Parteien bedienen die Interessen der Investoren und der gehobenen Mittelschicht. Also suchen wir nach anderen Wegen.

Wenn wir Viele sind und entschlossen, wird jede Mieterhöhung zurückgewiesen und verhindert. Diese Stadt hat sehr viele Menschen mit wenig Geld. Wir müssen nur zusammenkommen um zu handeln.

Sonntag 17.10., 14 Uhr, Stadtbibliothek (Karl-Kunger/Wildenbruchstraße, Alt-Treptow)
Sonntag 24.10., 14 Uhr, Lunte (Weisestr. 53, Neukölln)
Sonntag 31.10., 14 Uhr, Ohlauer Brücke (Kreuzberg)

Unterstützt werden die Kiezspaziergänge von: Karla Pappel – Stadtteil­ini­tia­tive gegen Mieterhöhung und Verdrängung / Alt Treptow | Stadtteil­ini­tia­tive Schillerkiez | Spreepirat_innen | Reichekiez von unten – Café Reiche / Reichenbergerstraße 58 | Mieten AG Graefekiez | Reiche63a | UBI KLiZ e.V. / Mieterladen | Wagenplatz Schwarzer Kanal | Steigende Mieten stoppen!

Kopiervorlagen fürs Plakat gibt es hier und für das Flugblatt hier.

Ein Wochenende Zentrum gegen Verdrängung

In den ehemaligen Räumen von Farben Sachse im Kreuzberger Wrangelkiez zog am letzten Wochenende ein ungewöhnliches Projekt ein: Ein Umsonstladen, Kiezcafé, „Zentrum gegen steigende Mieten“. Leider war die Freude nur von kurzer Dauer, denn am dritten Tag seines Bestehens wurde der Laden bereits wieder polizeilich geräumt.

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Offene Werkstatt mit Mietenstopp

Für die offene Werkstatt Linienhof gilt eigentlich von Anbeginn an schon „Mietenstopp“ – das Gelände ist seit nunmehr rund 20 Jahren mietfrei besetzt und wird auf vielfältige Weise kulturell genutzt. Zur Zeit gibt es dort eine offene Schweißwerkstatt mit Schmiede, Ateliers und Platz für spontane Ideen. Seitdem der Linienhof durch das Bauvorhaben einer illustren Baugruppe bedroht ist, ist er nach vielen Jahren des unauffälligen Hinterhofdaseins ein Stück weit in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Am Sonntag, den 3. Oktober veranstaltet der Linienhof einen Tag der offenen Werkstatt mitsamt Nachbarschaftsfest. Dabei sein werden ab 15 Uhr der Unterstützer_innenkreis, Kaffee & Kuchen, live-Musik, ein Infostand von Steigende Mieten stoppen! und alle die Lust haben vorbeizuschauen.

Kleine Rosenthaler Straße 9/10 (Mitte)