Bericht vom Graefekiezspaziergang am 7. November

Bericht von der Mieten AG im Graefekiez:

Es wurden Häuser in der Böckhstraße, zweimal Graefestraße, Dieffenbachstraße und Grimmstraße besucht. Dabei hatten wir uns vorgenommen, über die dort stattfindenden Auseinandersetzungen mit den Eigentümern zu sprechen und auch als zweites Thema den Einfluss des Tourismus auf den Kiez zu zeigen. Verdrängung der Mieter_innen, möglichst schnelle Renditesteigerung durch hohe Mieten bei Neuvermietung und Umwandlung zu Eigentum entsprechen aus unserer Sicht im Wesentlichen einer Dynamik der Erzielung von Rendite auf den Immobilienmarkt.

Die Folgen für die Mieter_innen sind die Versuche der Eigentümer, Hindernisse bei der Renditeerzielung zu beseitigen. So sind Eigenbedarfskündigungen auch ein Mittel der Vertreibung besonders von Bestandsmietern, die seit Jahren in dem Mietverhältnis stehen. Hierzu werden alle nahen Verwandten der Eigentümer herangezogen, um – natürlich bei den guten Wohnungen im Immobilienbesitz – neue Miet- und Eigentumsverhältnisse zu erzwingen.

Eine andere Variante ist aber auch die bloße Verkündigung von Modernisierungen mit zu erwartenden enormen Mietsteigerungen. Hier im Graefekiez gibt es hiervor ein Hindernis im Milieuschutz, so dass die Eigentümer der Häuser vielfach nur etwas vortäuschen, was aufgeklärte Mieter_innen leicht durchschauen und als bloße Luftschlösser erkennen.

Ist denn die Verwertungskette abgeschlossen, wird das Haus veräußert bzw. in Eigentumswohnungen aufgeteilt. Nicht immer wohnt in den Eigentumswohnungen der Besitzer, oft ist der Eigentümer am Ende der Verwertungskette und versucht nun sein teuer erworbenes Eigentum mit Mietsteigerungen zu vermieten. Bei Häusern, in denen diese Umwandlung schon geschehen ist, zerfällt für Mieter_innen oft der Bezug zum Haus durch häufige Neuvermietung, also Wechsel von Mietverhältnissen und der soziale Zusammenhalt zerbricht. So werden in diesen Häusern die Wohnungen von den einzelnen Eigentümern vergeben. Ein Neumieter hat es also hier nicht mit einer oft bestehenden einzigen Hausverwaltung zu tun, sondern mit den jeweiligen Eigentümern der Wohnungen im Haus.

Im Graefekiez kommt noch eine andere Eigentümlichkeit zum tragen: die Besitzer der Eigentumswohnung wohnen dort nur zeitweise im Jahr und vermieten dann an Untermieter_innen mit befristeten Verträgen oder vermieten an Touristen über das Internet. Im Haus sind dann die Mieter mit ständig unbekannten Bewohnern konfrontiert und diese haben gegenüber den Bestandsmietern andere Bedürfnisse – Partys und Ruhestörungen sind hier häufig, bei zunehmender Isolation der Hausbewohner untereinander.

Tourismus im Graefekiez kommt also aus den Häusern heraus und aus den angrenzenden Hostels und Ferienwohnanlagen (Mariannenstraße und der Urbanstraße). Es ist zu vermuten, einzelne Hauseigentümer versuchen auf diese Weise über die Vermietung von Touristenwohnungen auch Häuser zu entmieten.

Auswirkung ist im Sommer die zunehmende Geräuschkulisse der verkehrsberuhigten Graefestraße, die viele Vorderhausbewohner inzwischen stört. Die Gastronomie, die sich dort inzwischen angesiedelt hat und dem Bedürfnis auch der Touristen entgegenkommt, wird wiederum durch Gewerbemietensteigerung gezwungen, die Preise hoch zu halten und unterliegt somit einem zunehmenden Umsatzdruck. Hier gilt es Vermittlung im Sinne eines Kodex zwischen Kiezbewohnern und Gewerbe zu erschaffen, der die zunehmenden Probleme reguliert.

Der Problembereich Admiralbrücke – wo sich auf öffentlichen Raum im Sommer bis zu 300 Leuten auf der Brücke friedlich treffen, führt zu der Frage, wie das touristischen Angebot und aber auch das Angebot an Treffpunkten im Kiez für Leute mit wenig Geld bedient wird. Eine Vertreibung mit Polizeigewalt führt bestenfalls zu einer Verlagerung der nächtlichen Ruhestörung in die Grimmstraße und andere– insbesondere auf den dortigen Spielplatz bzw. in die Graefestraße.

Die Umwandlung der Wohnungen in Ferienwohnungen muss allerdings gestoppt werden – eine Zweckentfremdungsverbotsverordnung wird hier kaum greifen. Die Umwandlung in Eigentumswohnungen muss innerhalb der Innenstadt verboten werden, bzw. einem erschwerten Genehmigungsverfahren unterliegen. Hausverwaltungen und Eigentümern, die mit Luxusmodernisierungen im Milieuschutzgebiet Mieter_innen bedrohen (ALW/Bahe), muss energisch entgegen getreten werden. Firmen, die mit dem Mietmanagement nur das Ziel der Entmietung verfolgen (Ziegert), muss aus dem Kiez heraus gesagt werden: Wem gehört der Kiez?

Der Tourismus bezieht sich auf eine Attraktivität eines Kreuzbergs, welches gerade durch die soziale Mischung und der unkonventionellen Lebensstile bis in die Jahrtausendwende geprägt war. Hier sollte aus dem Kiez heraus versucht werden, alternative Angebote anstatt der Ballermanntourismustour anzubieten. An die Stadtentwicklung ist zu fragen, wer entwickelt den Kiez? – Investoren, die reine Renditeinteressen durchsetzen oder deren Bewohner.

Mediaspree und andere Projekte sind wohl kein geeignetes Beispiel verantwortlicher Stadtentwicklung. Dem Kiez fehlen allerdings die Orte der Eigenentwicklung, die auf die entstehenden Probleme reagieren und intervenieren können.

Martin Breger


1 Antwort auf „Bericht vom Graefekiezspaziergang am 7. November“


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